Liebe Leser,
am 25. Mai 2020 erstickte in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota der Afroamerikaner George Floyd (1973-2020) bei einem offensichtlich zu rabiaten Polizeieinsatz. Daraufhin kam es zu einer gewaltigen Protestwelle auf den Straßen. Aber der Tod hatte auch eine ganz andere Folgewirkung: schon im Jahr danach beeilte sich die Mehrzahl der großen US-Konzerne, in ihrem Geschäftsberichten auf eine pflegliche Behandlung von benachteiligten Minderheiten hinzuweisen.
Schauen Sie einfach mal auf das von der New York Times zusammengestellte Schaubild, das die Zahl der Firmen im Standard & Poor’s-Aktienindex im Zeitablauf aufweist, die unter den 500 Mitgliedern der Indexfamilie solcherart ihren vorbildlichen Umgang mit vernachlässigten Mitarbeitern betont haben. Man sieht dort von 2020 auf 2021 einen riesigen Sprung nach oben. So um die 70 Prozent der Vorstände präsentierten sich in den vier Nach-Floyd-Jahren als Musterknaben von Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion.
(Quelle: NYT, 13.3.25, https://www.nytimes.com/interactive/2025/03/13/business/corporate-america-dei-policy-shifts.html )
Allerdings kann man der Säulenreihe auch entnehmen, wie dieses schriftliche Bekenntnis zur vorbildlichen Personalführung schon zu Beginn der Trump-Herrschaft an Bedeutung verloren hat. Zar sind noch nicht alle Berichte ausgezählt, aber man kann wohl jetzt schon vor einem jähen Rückgang ausgehen. Und auch in den Texten, die sich noch mit dem Thema befassen, ist wohl ein deutlicher Sinneswandel herauszulesen, so jedenfalls die Zeitung nach ihrer Fleißarbeit. Kaum anzunehmen, dass sich in dieser Hinsicht der Trend bald wieder umkehrt, denn unter der Führung des raubeinigen Donalds ist Feinfühligkeit offenbar nicht mehr so angesagt. Da bin ich gespannt, ob der Trend auch nach Europa herüberschwappt, denn normalerweise machen die Europäer und vor allem die Deutschen dem großen Vorbild jenseits des Ozeans fast alles mit zeitlicher Verzögerung nach.
Themenwechsel. Der ehemalige Airbus-Chef Thomas „Tom“ Endres (Jahrgang 1958) geht hart mit den Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr aus dem ersten Sondervermögen ins Gericht: „Niemand braucht eine F-35.“ Endres nennt den Kampfjet „überflüssig“, zumal zu den Anschaffungskosten in zweistelliger Milliardenhöhe noch Milliarden an Wartungs- und Lebenszykluskosten hinzukommen und würde sie „als Erstes streichen unter diesen neuen geopolitischen Bedingungen“.
Das gelte umso mehr, weil Washington bei der F-35 über weitreichende Zugriffsrechte verfügt. „Wir wissen, die Amerikaner können das Ding abschalten, wie sie wollen. Wir sind total abhängig“, mahnt Enders. Trump könne nach Gusto entscheiden, dass keine F-35 abheben darf. Sein Resümee daher: „Dieses System ist mit einer solchen so antieuropäisch gefärbten amerikanischen Regierung ein großes Risiko.“
(Quelle: https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/fr%C3%BCherer-airbus-chef-tom-enders-niemand-braucht-eine-f-35/ar-AA1B1Y0R und: DGAP-Papier, Seite 3, https://dgap.org/de/presse/news/dgap-praesident-tom-enders-veroeffentlicht-sparta-positionspapier-zur-europaeischen )
„Das erste Sondervermögen floss unter Zeitdruck in die Technologien der 2000-er und 2010-er Jahre, in großen Teilen zudem in nicht-europäische Systeme“, moniert auch eine Studie der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), in der neben Endres auch der frühere Telekom-Boss Rene Obermann (Jahrgang 1963) mitarbeitet.
Hingegen jubelt die Bundeswehr: „… ist die F-35 der beste und modernste Kampfjet, den die Luftwaffe augenblicklich beschaffen kann. Nicht nur Deutschland, sondern auch zwölf weitere NATO-Staaten nutzen die F-35 oder werden sie nutzen.“ Und begründet den Kauf für 10 Milliarden Euro: „Durch die Beschaffung der F-35 wird die nukleare Teilhabe gesichert. Diese trägt dazu bei, einen möglichen Angreifer glaubwürdig von einem Angriff auf Deutschland oder das Bündnisgebiet der NATO abzuschrecken.“ Dass wir gar keine Atomwaffen haben, scheint niemand dort zu stören.
Das DGAP-Papier, das kürzlich vorgestellt wurde, fordert hingegen: „Wir brauchen eine technologiegetriebene Verteidigungsstrategie und dürfen nicht den ausgetretenen Pfaden der alten Beschaffungspolitik folgen – insbesondere, wenn es um große Investitionen geht“, so Enders im Interview im ZDF heute journal. „Es geht nicht darum, in 20 Jahren neue Waffensysteme zu entwickeln, sondern bestehende Technologien jetzt einsatzfähig zu machen. Der Fokus liegt auf Lösungen für die nächsten drei bis fünf Jahre, nicht auf langfristigen Programmen.“
(Quelle: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/f-35-deutschland-5864336#:~:text=Knapp%20zehn%20Milliarden%20Euro%20wurden,und%20Wartungsleistungen%20f%C3%BCr%20f%C3%BCnf%20Jahre. und: FAZ, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/frueherer-airbus-chef-tom-enders-niemand-braucht-eine-f-35-110357292.html )
In einem Interview mit der FAZ wurde Enders noch konkreter und plädiert für eine rasche Abkehr von US-Rüstungstechnik, eine Drohnenarmee für Europa und eine Halbierung der Zahl von Generälen in der Bundeswehr. Er stützt sich dabei auf die Ausarbeitung, in der als wichtige Maßnahmen unter anderem gefordert werden:
1. Etablierung eines weiträumigen Drohnenwalls über der NATO-Ostflanke zur wirksamen Abschreckung durch echte Masse (mehrere zehntausend Kampfdrohnen für zeitnah beschaffbare, asymmetrische Fähigkeit)
2. Modernisierung von Bestandssystemen aller Waffengattungen, damit sie auf dem modernen Gefechtsfeld zur Aufklärung und effektiveren Wirkung mit Drohnen sowie gegen gegnerische Drohnen befähigt sind
3. Aufbau einer souveränen Satellitenkonstellation und Echtzeit-Auswertung für militärische Anwendungen bzw. zur Überwachung der NATO-Ostflanke.
Schon Cyril Northcote Parkinson (1909-1993), nein nicht der mit der Krankheit (James Parkinson, 1817), sondern ein scharfzüngiger Schöpfer der Parkinsonschen Gesetze zum Behördenwucher („Arbeit als dehnbare Masse“), hatte Anfang der 1960-er Jahre zwar mit Bezug auf die englischen Verhältnisse, aber durchaus allgemeingültig festgestellt: „Die Regierung neigt bekanntlich dazu, sich immer auf den vorletzten Krieg vorzubereiten.“ So weit würde ich bei der F-35 nicht gehen, aber sie könnte dann Ende der 2020-er Jahre – auch schon zwei Jahrzehnte alt – auf ein völlig verändertes Umfeld treffen. Wo sind denn die lange im Ukrainekrieg als Gamechanger angesehenen F-16 abgeblieben? Hingegen sind die mehr als eine Million von den Ukrainern gebauten Drohnen vielfältig und erfolgreich im Einsatz.
(Quelle: C. Northcote Parkinson, …alles von unserem Geld, Düsseldorf 1960, Seite 110)
Und wo ist eigentlich die russische Schwarzmeerflotte geblieben? Die ist doch vermutlich genau mit den U-Booten und Fregatten ausgestattet, die die Bundesmarine so dringend für die Ostsee zusätzlich anschaffen möchte. Die versteckt sich weit im Osten des Meeres aus Angst vor Drohnen, Marschflugkörpern und Seedrohnen. Verstehen Sie mich nicht miss, ich halte mich wirklich nicht für den genialen Hobbystrategen, der alles besser weiß. In mir wohnt nur die Befürchtung, dass da Geld nach alter Väter Sitte – langsam und konventionell – ausgegeben wird, anstatt mal kritisch zu hinterfragen.
Und noch eins zum Schluss: ich habe es ja erst gar nicht glauben können, dass die Deutschen ein Flugzeug für sündhaft teures Geld beschaffen, das ein Fremder im Einsatzfall einfach abschalten kann. Aber scheint ja so zu sein. Offenbar sind nicht nur wir so dusselig gewesen, aber so richtig leuchtet mir das dennoch nicht ein. Zumal die Europäer seit Jahrzehnten an eigenen Jets basteln.