Liebe Leser,
es ist zwar noch nicht Jahresultimo, an dem üblicherweise solche Rennlisten für Aktien erstellt werden, sondern die folgenden Kurse stammen von dieser Wochenmitte, aber bei dem, was ich Ihnen zum deutschen Aktienmarkt zeigen möchte, wird sich da bis zum Jahresende sicherlich nicht mehr Epochales ändern. Was auch den Profi verblüfft, ist nämlich das enorme Auseinanderklaffen der Kursentwicklungen. Papiere, die in der Gunst der Anleger stehen, steigen dann auch wie Raketen in den Himmel, auf der anderen Seite fallen Nichtlieblinge ins Bodenlose. Um diese Auf- und Abwärtsdynamik zu belegen, habe ich Ihnen Veränderungen übers Jahr für zwei große Indices ausgedruckt. Gezeigt werden jeweils die sechs besten und das schlechteste halbe Dutzend für den DAX und die von der Marktkapitalisierung darunter angesiedelten Papiere des MDAX. Schauen wir erst mal auf das DAX-Beispiel.
Da liegt unter den 40 DAX-Werten – wer hätte das für möglich gehalten – die große Siemens-Tochter für den Energiebereich, Siemens Energy, ganz weit vorne. Jahrelang ein Sorgenkind des Konzern, zuletzt wegen einer große Fehlkalkulation bei Windrädern, hat sich der Kurs 2024 mehr als vervierfacht. Der Titel schlägt damit den gesamten Index, der „nur“ um 18 Prozent zulegte, um zig Längen. Und plötzlich trauen die Damen und Herren Analysten dem Unternehmen eine rasante Gewinnentwicklung in der Zukunft zu. Zwar soll im kommenden Jahr nur ein eher bescheidener halber Euro pro Aktie verdient werden, aber danach soll sich der Gewinn 2026 dann gleich vervierfachen.
Natürlich ist in der Wirtschaftswelt alles Mögliche möglich, aber woher die Experten den Absatz an Windrädern & Co. im Jahr 2026 kennen, bleibt weitgehend ihr Geheimnis. Von 2020 bis 2023 wurden von der Gesellschaft – teils satte – Verluste gemeldet, obwohl der Umsatz stetig stieg. Man wird den Verdacht nicht los, dass die neue Zuversicht der Absicht entspringt, dass die beiden Großaktionäre Siemens (17 Prozent) und Siemens Pensionskasse (10 Prozent) ihre Beteiligungen wohl gerne los wären.
Unter den DAX-Topwerten folgt danach Rheinmetall mit einer satten Verdoppelung. Die Argumentation dabei ist klar: Rüstung ist bei den Börsianern wieder „in“. Eine Ohrfeige für die Propagandisten der ethischen Geldanlage. Denn die ESG-Anhänger führten den Verteidigungsbereich jahrelang auf ihrer verfemten Liste. So kann man sich täuschen: Money gegen Moral sozusagen. Wenngleich mir das ohnehin ein Denkfehler zu sein scheint: ein Hersteller von Küchenmessern ist ja auch kein Bösewicht, weil einige Zeitgenossen damit ihren Ehegatten abstechen.
Schaut man ans andere DAX-Ende finden sich dort früher illustre Namen. Ganz vorneweg auf dem Abwärtspfad: Bayer. Die Leverkusener mussten ein erneutes Kursminus von horrenden 40 Prozent hinnehmen, weil die US-Klagen gegen Glyphosat immer noch nicht enden wollen und nun auch eine Lücke in der Pipeline von neuen Medikamenten belastet. Sartorius ist „out“, weil in der Laborausrüstung eher Ruhe eingekehrt ist. Zudem war das Papier vorher auch schwer gehypt worden und zeitweise Spitzenreiter bei der DAX-Performance. Auch RWE sackte um fast 32 Prozent ab. Da hat sich die Begeisterung für erneuerbare Energien, die der Konzern markant vorantreibt, weltweit an den Börsen ziemlich gelegt.
Selbst ihre schönen Autos konnten das reinrassige Spiel in Porsche (Dr.Ing.H.C.Porsche) nicht zum Erfolg werden lassen. Mit 27 Prozent Kursverlust ist bei den Anlegern mehr als ein Viertel des Geldes im röhrenden Auspuff verpufft. Unter anderem die Flaute in China lässt grüßen. In ähnlicher Dynamik abwärts ging es bei der Aktie der DHL Deutsche Post. Zweifel am Welthandel, der die lukrative Express-Sparte antreibt, ließen auch die Begeisterung der Anleger für den Logistikriesen schwinden. Was, wenn Trump seine Drohung mit hohen Zöllen umsetzt, mögen sie wohl argwöhnen?
Die geschilderte Spreizung im DAX gilt auch für den darunter liegenden MDAX. Zwischen den 41 Prozent Top-Anstieg und den 61 Prozent Minus liegen ganze Gefühlswelten der Aktienfreunde. Der Rüstungs-Konzern Hensoldt stieg aus den geleichen Gründen wie der oben erwähnte zweitbeste Wert Rheinmetall. Schwer unter die Räder kamen Aktien mit Bezug zur Chip-Branche. Ganz am Ende Aixtron, die seit vielen, vielen Jahren für gewaltige Schwankungen bekannt und berüchtigt sind. Ziemlich genau vor einem Jahr pendelte das Papier des Unternehmens aus Herzogenrath noch bei fast 40 Euro, jetzt bekommt man dafür als Verkäufer keine 15 Euro mehr. Aber wer kann auch mit der Firmenbeschreibung wirklich etwas anfangen: „weltweit führender Anbieter von Depositionsanlagen (Anlagen für chemische Abscheidungsprozesse) für die Halbleiterindustrie“.
Unter dem traurigen MDAX Halbdutzend findet sich mit Siltronic auch gleich noch ein zweiter Vertreter der Chip-Branche. Ihn raffte es kurzmäßig „nur“ um 42 Prozent dahin. Auch beim zweitstärksten Abwärtskandidaten Stabilus ist der Rückschlag plausibel, denn Autozulieferer machen eine noch härtere Zeit durch als die bei ihnen einkaufenden Autokonzerne und denen geht es auch nicht gut. Bisschen schwerer zu verstehen ist in diesem Umfang von 41 Prozent Minus die Baisse der Bekleidungsfirme Hugo Boss. Schön und gut, die Geschäfte laufen nicht mehr so wie früher, aber der Kurseinbruch riecht ja nach Katastrophe und davon ist der Konzern weit entfernt.
Vielleicht eine Erklärung für die Abwärtsdynamik: die Aktie gilt als Liebling der Shortseller, das sind Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen. Wacker Chemie leidet unter der Flaute der gesamten Chemiebranche. Carl Zeiss Meditec hat einen Schwerpunkt in der Diagnose von Augenbeschwerden. Noch 2022 touchierte der Kurs die Marke von 200 Euro, inzwischen kostet die Aktie nicht einmal mehr ein Viertel davon. Da haben die Anleger damals offensichtlich nicht so klar in die Zukunft gesehen. Vielleicht hätten sie ihre Augen mit Zeiss-Produkten testen lassen müssen.