Liebe Leser,
wie ein Magnet ziehen die immer noch recht hohen Zinsen in den USA Geld aus dem Ausland an. Bei 10-jährigen Staatsanleihen gibt es stolze 4,4 Prozent Rendite zu verdienen. Das sind immerhin fast vier Prozentpunkte mehr als der US-Kapitalmarkt in den Tiefen von Corona und vor dem Preisschub durch den Ukrainekrieg 2020 bot. Der Höchststand wurde am 25. Oktober 2023 markiert, als der Zins auf die Fünf-Prozent-Marke zusteuerte und mit 4,95 Prozent erst knapp davor stoppte. Seither senkt die US-Notenbank moderat die Leitzinsen, aber die Zinseuphorie ist weitgehend verflogen, weil die Inflation zur Zeit nicht mehr sinkt und der Staat sich kräftig neu verschuldet.
Nur die Angelsachsen in Großbritannien und Australien bieten ähnlich viel Rendite an wie die Amis. Hingegen liegen die Europäer alle darunter – zum Beispiel Deutschland bei 2,2 Prozent – und in Fernost bringen mit etwas über einem Prozent in Japan und 1,7 Prozent in China Anleihen nur noch Zins-Erinnerungsposten. Bei so viel Lockpotential der Amerikaner ist natürlich auch deren Währung gefragt: heute muss man für einen Euro nur noch knapp 1,05 Dollar zahlen. Das nähert sich langsam wieder dem Tiefststand vom September 2022 an, als der Kurs zeitweise mit 0,97 Dollar sogar unter der Parität fiel. Lange her die Höchststände 2008 als bis zu 1,57 Dollar nötig waren, um einen damals gefragten Euro zu erstehen.
Ganz anderes Thema. Für das laufende Jahr zeichnet sich in Japan für 2024 ein neuer Rekord der Neuzeit ab: mit geschätzten 716.000 Geburten sind Babys absolut am rarsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Schon im 1. Halbjahr 2024 sank die Geburtenzahl erneut um 5,8 Prozent. Der für das Jahr genannte Wert rechnet diese Veränderung ganzjährig einfach hoch. Wie übel das auch den Japanern erscheint, zeigt eine Meldung aus Tokio: tausende Angestellte der Stadtverwaltung sollen bald einen Tag in der Woche weniger arbeiten. Interessante Vorstellung: offenbar glauben die Verantwortlichen in der Hauptstadt, dass so ein freier Tag die Gebärfreudigkeit anregen könnte. Was die wohl für Vorstellungen haben, was die Angestellten dann in ihrer Freizeit so treiben werden?
(Quelle: MM, 13.12.24, https://www.manager-magazin.de/politik/weltwirtschaft/tokio-plant-viertagewoche-zur-foerderung-der-geburtenrate-a-9a55be56-8774-4e4e-84de-27e4fb158e75 )
Aber abseits solcher schlüpfrigen Fantasien sieht die Lage in der Tat bedrohlich aus. Denn da altersbedingt immer mehr Japaner jährlich sterben, ergibt sich im Moment auf natürlichem Weg eine Jahresschrumpfung der Bevölkerung von geschätzten fast 900.000 Japanern. Und das schlägt auch wirklich auf die Bevölkerungszahl durch, weil Japan eine dauerhafte Zuwanderung praktisch nicht kennt. Gut 0,7 Prozent der Bevölkerung verschwinden 2024 demnach einfach aus Japan. Und schauen Sie sich mal die Tendenz dabei (roter Pfeil) an.
Nach der letzten Projektion des „National Institute of Population and Social Security Research“ soll die Bevölkerung 2056 nach einem Höchststand 2008 von 128 Millionen erstmals unter die Marke von 100 Millionen sinken und dann bis 2070 schnell auf 87 Millionen weiter fallen. Das ist die mittlere Annahme, nimmt man die härtere Variante könnten es dann auch nur noch 80 Millionen sein. Ob das nicht im Lichte der oben genannten Zahlen realistischer ist, da ist in Tokio noch nicht neu gerechnet worden. Die Projektion stammt aus dem Frühjahr 2023.
Der zweite Effekt der Gebärfaulheit japanischer Frauen: der Anteil der alten Leute steigt kontinuierlich. Schon ist mehr als jeder sechste Japaner (16,0 Prozent) 75 Jahre oder älter. Zum Vergleich: in Deutschland sind es nur 11 Prozent, also jeder neunte. 20,4 Millionen so alte Menschen bevölkern inzwischen die fernöstliche Inselgruppe, das ist etwa die Gesamtbevölkerung von Rumänien. Man kann sich leicht ausmalen, wie steinalt die zukünftige Bevölkerung der Projektion dann in den kommenden Jahrzehnten sein wird. Ändert sich nichts, wird Japan zum kollektiven Altersheim. Und die Versuche das zu ändern, sehen wie der eingangs geschilderte freie Arbeitstag für Stadtbedienstete in Tokio eher hilflos aus.
Reiner Klingholz, Direktor des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“, findet indes auch in der traurigen demographischen Bilanz noch einen Pluspunkt für Japan, bei dem Deutschland vom Inselstaat lernen könne: „In der Nutzung des Potenzials der älteren Menschen sind die Japaner besser.“ So sind in Japan sind noch 28 Prozent der Männer über 64 Jahre erwerbstätig, in Deutschland nur sieben Prozent. Das könnt daran liegen, dass die Renten in Japan vergleichsweise niedrig sind. Aber hierzulande werfen sich ja alle Parteien populistisch auf möglichst hohe Renten und haben jahrelang des Weg in den Vorruhestand ebnen helfen. Das war auch ein Fehler der Unternehmen, die es sich viel Geld kosten ließen, altgediente Mitarbeiter möglichst schnell loszuwerden. Um dann Jüngere teuer anzuwerben und auszubilden.