Liebe Leser,
ich zeige Ihnen ja ab und an Phänomene des US-Aktienmarktes. Warum? Weil unser Markt seit vielen Jahrzehnten eng an Wall Street hängt, vielleicht nicht in der Stärke der Bewegung, aber fast immer in der Grundtendenz. Vielleicht das wichtigste Phänomen in der Metropole am Hudson: die Konzentration auf eine Handvoll Superaktien wie Apple, Microsoft, Alphabet (Google) und zuletzt den Chiphersteller NVIDIA. Die werden immer teurer, große Teile des restlichen Marktes hingegen – wie bei uns auch – vernachlässigt. Nehmen wir mal die erhofften Gewinne, dann liegt die Bewertung bei den acht Dickfischen beim Dreißigfachen. Die kleinen und mittleren Fische werden ungefähr mit der Hälfte bewertet. Und während dieser untere Rest vom Schützenfest auch historisch, zum Beispiel im Vergleich zum Zinsniveau, eher preiswert erscheint, werden die „Magnificent 8“ historisch ziemlich forsch eingestuft.
(Quelle: Ed Yardeni, https://yardeni.com/charts/stock-market-p-e-ratios/ )
Tausend Mal verblüfft da zum Beispiel die Aktie von Tesla. Die offenbar nicht totzukriegen ist. Außer flotten Sprüchen wie „schon morgen autonomes Fahren“ liefert ihr charismatischer Vorturner seit Jahren beim Autobau immer weniger spektakuläre Erfolge ab. 2024 fielen die weltweiten Verkäufe der Elektroautos gar zum ersten Mal in der Firmengeschichte. Die Aktie konnte sich hingegen vom Oktober bis Dezember im Kurs satt verdoppeln. Dabei hatte Musk nur was von einem gigantischen Markt für Robotaxis fantasiert und sein Buddy Donald Trump die Wahl gewonnen.
Alleine beim rot markierten Gipfelsturm ging es um die Kleinigkeit von 850 Milliarden Dollar höherem Marktwert. Nimmt man die mittlere Analystenschätzung, wird das Papier trotz eines zwischenzeitlichen Kursrückgangs mit dem 89-fachen des für 2025 erhofften Ertrags bewertet. Da sollten die Robotaxis bald fahren. Irgendwie hat man den Eindruck, dass Zahlen bei Tesla gar keine Rolle mehr spielen, sondern nur die lustigen Geschichtlein von und um Musk. Was wieder mal den Beweis liefert, dass Aktien nicht nach einer mathematischen Formel bewertet werden, sondern nach den Wünschen, Hoffnungen und Vermutungen der Anleger. Wenn die glauben, Musk könne zaubern und daher seine Aktien kaufen, dann steigt der Kurs halt. Basta.
(Quelle für Gewinnschätzung: https://www.barrons.com/market-data/stocks/tsla/research-ratings?mod=searchresults_companyquotes&mod=searchbar&search_keywords=Tesla&search_statement_type=suggested )
Ähnliche Dinge – wenngleich nicht ganz so irre – gibt es in Deutschland auch: Die Softwareschmiede SAP wird mit dem 40-fachen Jahresgewinn bewertet. Das ist ja auch schon zuversichtlich zu nenne. Zweieinhalb Jahre vorher las man noch Überschriften wie „Softwarekonzern in Not“. Da kostete die Aktie zweitweise nur ein Drittel des heutigen Niveaus. So kann es halt gehen, wenn es gut geht.
(Quelle: MM, 21. Juli 22, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/tech/sap-aktie-rutscht-ab-christian-klein-senkt-nach-gewinneinbruch-die-ziele-a-7fc7c175-d644-48e6-9e4d-3f8bf9a451e2 )
Themenwechsel: Am Samstag verkündete der auf dem SPD-Parteitag frisch gekürte Kanzlerkandidat und Amtsinhaber Olaf Scholz den Medien das Programm für eine neue Amtszeit, zum Beispiel im tagesthemen-Interview. „Solidarität“ ist natürlich für Sozialisten ein großes Thema und in der Praxis soll das dann in Originalton Olaf so aussehen: „Das eine Prozent, das am meisten verdient in der Bevölkerung in Deutschland zahlt etwas mehr und die 95 Prozent anderen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Selbstständigen, werden entlastet.“ Das sei die „richtige Austarierung“. Scholz betonte, es sei „zunächst eine Aufgabe unserer Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass genügend Geld zur Verfügung steht für die Rentenversicherung, für die Krankenversicherung und die Pflegeversicherung“. Daher sei er gegen Kürzungen in diesen Bereichen.
(Quelle: Tagesschau, 11.01.2025, https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/scholz-parteitag-tagesthemen-100.html und: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/bsw-mindestlohn-mohamed-ali-100.html und: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/kurzwahlprogramm-des-bsw-gegen-deindustrialisierung,UXlgEJp )
Es wäre doch in Zukunft ratsam, vor dem Parteitag mal einen Mathematiklehrer ins Kanzleramt einzuladen, der das geplante Programm noch einmal nachrechnen soll. Denn wollte das zu melkende ein Prozent der Bevölkerung eine Steuersenkung der restlichen Bevölkerung um ein Fünftel finanzieren, und alles andere wäre bei vielen Einkommensgruppen absolut nur ein Fliegenschiss, dann müssten diese Blendendverdiener ein gutes Drittel (2020 nach der aktuellsten Steuerstatistik 36 Prozent) mehr bezahlen. Für die Hälfte der Bevölkerung, die im Schnitt nur 4,2 Prozent aller Lohn- und Einkommensteuern bezahlen, halten Scholz, aber auch das Bündnis Sarah Wagenknecht, das sich ebenfalls am Wochenende zum Parteitag traf, übrigens noch eine satte Anhebung des Mindestlohns um 17 Prozent auf 15 Euro die Stunde als Geschenk bereit. Da freuen sich immerhin rund sechs Millionen Begünstigte. Aber das müssten dann ja wohl auch noch die Unternehmen und damit ihre Eigentümer bezahlen.
Solches Ideengut nenne ich schlicht „Linkspopulismus“. Man bietet 99 Prozent der Bevölkerung an, sich auf Kosten des restlichen Prozents besser zu stellen. Alles kann so einfach sein. Als Amira Mohamed Ali, Vorsitzende des BSW, mal gefragt wurde, ob ein schnell steigender Mindestlohn nicht einige Wirtschaftsbereiche wie etwa die Gastronomie gefährden könnte, antwortete sie kess: „Ein Arbeitgeber, der es nicht schafft, seine Mitarbeiter so zu bezahlen, dass sie bei einer Vollzeittätigkeit vernünftig leben können, der muss vielleicht sein Geschäftsmodell auch mal überdenken.“ Das würde dann ja wohl auch gelten, wenn sich irgendein Politiker einen Mindestlohn von 30 Euro einfallen ließe. Da gäbe es halt keine Kneipe mehr und die Gäste hätten Pech gehabt.