Liebe Leser,
erst letzten Freitag habe ich Ihnen das Fiasko der Analysten-Gilde bei Bayer geschildert. Von stolzen 150 Euro war das Papier da schon in Richtung 40 Euro gefallen, ohne dass auch nur ein großes Researchhaus sich zu einem Verkaufssignal durchgerungen hatten. Im Gegenteil, namhafte Analyseteams wie etwa die schweizerische Großbank UBS beließen den Titel auf „Kaufen“. Die Eidgenossen bestätigten am 8. November noch mal ihr Kursziel von astronomischen 90 Euro.
Gestern kam ein neuer Paukenschlag. An Urteile vor irgendwelchen Provinzgerichten, wo großzügige Geschworene und Richter hocken, haben sich die Bayeraktionäre fast schon gewöhnt. Immerhin klagten bereits 154.000 angeblich durch den via Monsanto eingekauften Unkrautvernichter Glyphosat geschädigte Amerikaner gegen die Leverkusener.
Gut zwei Drittel davon sind unter hohen Kosten abgearbeitet. Aber am Montag kam mal wieder ein besonders harsches Urteil rein: am Bundesgericht in Jefferson City erhielten James Draeger, Valorie Gunther und Dan Anderson insgesamt 61,1 Millionen Dollar an Schadenersatz und je 500 Millionen Dollar Strafschadensersatz zugesprochen. Zwar ist Jefferson die Hauptstadt des Bundesstaates Missouri), hat aber nur beschauliche 43.000 Einwohner. Und ein Urteil gegen Bayer kostet die Jungs dort ja nix.
Nun haben solche Urteile in der Höhe selten Bestand, aber zeitgleich kam auch noch ein anderer Schlag ins Chemiekontor: Bayer hat eine Studie für den wichtigsten Medikamentenkandidaten in seiner Pipeline abgebrochen. In den Phase-III-Tests von Asundexian hatte es offenbar ziemlich enttäuschende Daten gegeben. Bayer setzte zuvor große Hoffnungen in das Medikament, das bis zu fünf Milliarden Euro Jahresumsatz hätte beisteuern können. Wäre auch schön gewesen, wenn das Medikament den bisherigen Bestseller Xarelto ab 2026 hätte ersetzen können, denn für den läuft der Patentschutz ab.
Die Kombination aus Angst vor weiteren Klagen und das Ausbleiben von Nachfolgern in der Pharmasparte war dann am Montag zu viel für die leidgeprüften Aktionäre. Schon nach gut einer Stunde notierte das Traditionspapier um fast gut acht Euro unter dem Freitagsschluss: nahezu ein um ein Fünftel im Minus. Damit ist man wieder auf dem Niveau von 2005 angekommen, Damals hatte sich der Titel von einem anderen US-Desaster erholt, das den Kurs 2002 gar unter 10 Euro gedrückt hatte.
(Quelle: Finnazen.net, 20.11.23, https://www.finanzen.net/nachricht/aktien/zu-zahlung-verurteilt-bayer-aktie-zweistellig-tiefer-bayer-erleidet-milliardenschwere-glyphosat-niederlage-in-den-usa-studienstopp-fuer-hoffnungstraeger-asundexian-13050426 und Capital, 23.4.2019, https://www.capital.de/wirtschaft-politik/das-bayer-drama-um-lipobay )
Bayer hatte in diesem Katastrophenjahr den Cholesterinsenker Lipobay vom Markt nehmen müssen, immerhin den damaligen Hauptumsatzbringer der Pharmasparte des Konzerns. Das Medikament sollte Todesfälle ausgelöst haben und als Vorwurf stand zudem im Raum, Bayer habe die Nebenwirkung Muskelschwund vertuscht.
Auch ein PR-Unfall sondergleichen passierte dem damaligen Bayer-Finanzvorstand Werner Wenning (Jahrgang 1946). In London versuchte er in einer Investorenkonferenz die Wogen zu glätten und gab im ZDF ein Interview. Ein markiger Satz daraus: „Die Anwendung von hochwirksamen Medikamenten ist immer mit Nebenwirkungen verbunden, die auch zum Tode führen können.“ Die BILD-Zeitung fand das gar nicht lustig und titelte anderntags: „Skandal-Pille! Bayer-Manager verhöhnt Opfer.“
Die Opfer strengten allein denn auch allein in den USA 14.000 Schadensersatzklagen an. Was den Konzern jahrelang lähmte, bis er einen Vergleich über 1,1 Milliarden Dollar abschließen konnte. Bayers Rechtsabteilung wuchs im Verlauf der Dauerkrise zu einer der größten der Industrie heran. Wenning schadete der Fauxpas offenbar nicht, noch im gleichen Jahr wurde er Chef von Bayer. 2019 sprach er dann angesichts der Klagewelle wegen Glyphosat von einem „Déjà-vu“. Ein solches definiert das allwissende Wikipedia: „eine Erinnerungstäuschung, bei der eine Person glaubt, ein gegenwärtiges Ereignis früher schon einmal erlebt zu haben“. Das passt dann wohl.
Themenwechsel. Im Schatten des Parteitags der LINKS-Partei hatten es die Jungsozialisten der SPD schwer, in den oberen Teil der Zeitungs- und Internetseiten vorzudringen. Dabei wählten sie mit Philipp Türmer (Jahrgang 1996) einen neuen Vorsitzenden, der den sozialistischen Nachwuchs wieder so bedeutend machen will, wie er unter dem Vor-vor-GängerIn Kevin Kühnert (Jahrgang 1989) war. Auch er möchte seiner Partei „richtig Druck machen“ und ist mit dem Versprechen gewählt worden, die Jusos wieder „lauter, linker und kritischer“ aufzustellen.
(Quelle: taz, 19.11.23, https://taz.de/Neuer-Juso-Vorsitzender-Tuermer/!5971125/ )
Vorsichtshalber will Türmer auch auf absehbare Zeit gar nicht in den Bundestag, um dort nicht an Kompromissen mitwerkeln zu müssen. Da hatte seine Vorgängerin Jessica Rosenthal (Jahrgang 1992) wohl einen Fehler gemacht, als sie als eine von 49 durch die Jusos gesponserte Abgeordnete dort einzog. Nun kann der gebürtige Offenbacher Türmer seine Jusos so richtig auf Umverteilung, Abschaffung der Schuldenbremse und für eine menschliche Asylpolitik zu trimmen versuchen.
Zur Veranstaltung in Braunschweig angereiste prominente SPD-Spitzen bekamen schon mal einen Vorgeschmack auf eine in Zukunft noch mehr quengelnde Jugend. Die Vorsitzende Saskia Esken (Jahrgang 1961), 2019 mit massiver Unterstützung der Jusos zur ersten SPD-Spitzenfrau gewählt, erntete für ihre Rede peinlich wenig Applaus, und als sie die Aussage des Kanzlers verteidigte, man müsse jetzt im großen Stil abschieben, gar eisiges Schweigen. Esken: „Regeln müssen schon sein, sonst verlieren die Menschen das Vertrauen in die Demokratie.“
Auch Ex-Juso-Chef und heutiger SPD-Generalsekretär Kühnert, der die Jusos mit einer No-Groko-Kampagne einst mächtig ins Spiel gebracht hatte,
musste sich anhören, die SPD mache heute die Politik vom ehemaligen CSU-Innenminister Horst Seehofer (Jahrgang 1949) und ihm selbst fehle mittlerweile die einstige Energie. Da wird wohl jetzt wieder manch spannender Plan von den Jusos kommen.
Hoffentlich liest der studierte Wirtschaftswissenschaftler Türmer auch mal eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Sie kommt zu dem Schluss, dass sich trotz der wilden Pandemiejahre die Einkommensungleichheit in Deutschland nicht wesentlich verändert hat. Und selbst die Ostdeutschen sind immer seltener von Armut bedroht.
(Quelle: Maximilian Stockhausen, Ungleichheit: Vier Fakten über die soziale Gerechtigkeit in Deutschland, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), 19. November 2023, https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/vier-fakten-ueber-die-soziale-gerechtigkeit-in-deutschland.html )
Mehr noch: nimmt man die sogenannte Einkommensreichtumsquote (Anteil der Personen, die mehr als das doppelte des Äquivalenzeinkommens zur Verfügung haben), hat sich dieser Wert von zuletzt 7,7 Prozent in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten kaum verändert. Wird aber kaum Beachtung finden. Stellen Sie sich einfach mal testweise vor, der Anteil dieser Reichen wäre signifikant gestiegen.
Hier für Statistikfeinschmecker und Leser, die mir die Studie nicht glauben wollen, mal die Grafik aus der Studie (Seite 20).