Liebe Leser,
2016 haben drei Ökonomen einen Index ausgebrütet, der die ökonomische Verunsicherung in der öffentlichen Meinung messen soll. Das Material dazu bezogen sie aus 10 wichtigen amerikanischen Medien. Dabei werteten sie einfach aus, wie oft bestimmte Stichworte wie etwa Economy, Unsicherheit, Defizit, Federal Reserve Bank, „Weißes Haus“ oder Kongress in den Texten vorkamen. Und schon bei einer ersten Untersuchung bis 1985 zurück zeigte sich ein hoher Gleichlauf mit der Unruhe an den Börsen (Volatilität) oder Stimmungsindikatoren. Sechs führende Zeitungen wurden dann noch einmal bis zum Jahr 1900 zurückgetestet: das gleiche Bild.
Das beeindruckte anscheinend auch die US-Notenbank, so dass sie diverse Reihen in ihre riesige Datenbank aufnahm. Ich zeige Ihnen mal die daraus entstehende Grafik für die US-Wochenwerte, was in der blauen Linie natürlich zu einigem Hin und her führt. Man sieht aber bei wichtigen Panikereignissen, wie die Werte kräftig ansteigen. Ist ja auch klar: in der Krise steht viel von Krise in der Zeitung, wie sollte es anders sein.
(Quelle der Grundgrafik: FRED, https://fred.stlouisfed.org/series/USEPUINDXD )
Was ich Ihnen jedoch in der Grafik vermitteln wollte ist Folgendes: Donald Trump hat es in den USA in kürzester Zeit geschafft, eine stärkere Verunsicherung zu schaffen als die ganzen gezeigten Großereignisse wie Golfkrieg 1991, das Platzen der Nasdaq-Blase 2000, die Finanzkrise 2008 und schließlich Corona. Das ist schon eine Leistung, weshalb ich dieses Bemühen des Weißen Hauses um Verwirrung auch den T-Faktor wie Trump-Faktor nennen möchte – Ehre, wem Ehre gebührt. Sollte Sie das viel hineingemalte Zeug in der vorigen Grafik irritieren, zeige ich Ihnen dieses Schaubild noch mal nackt. Sie sehen, der geschilderte Trump-Rekord ist klar erkennbar.
Wenn Sie immer noch das wilde Wochengezacke stört, biete ich Ihnen das auch noch mal mit Monatswerten an. Was an der Grundaussage nichts ändert, aber die Monats-Durchschnitte machen die Rasanz des Anstiegs vielleicht sogar noch etwas deutlicher.
Und der Donald im Oval Office schafft es nicht nur, die Amerikaner in Atem zu halten, sondern die ganze fortgeschrittene Welt. Nach dem gleichen Verfahren wird nämlich inzwischen ein Weltindex gerechnet, der alle wichtigen Industrieländer – mit ihrer Wirtschaftskraft gewichtet – zusammenfasst. Nun ja, dass auch Chinesen, Europäer und Japaner von dem Zollquark verunsichert werden, liegt auf der Hand. Und das mit einer Idee, die der rastlose Immobilientycoon seit mindestens vier Jahrzehnten im Herzen trägt. Der sitzt nun mal am Drücker, egal wie richtig oder falsch man seine Ideen findet. Hinzu kommen jetzt auch noch seine Friedensinitiativen in der Ukraine oder in Gaza, die für Verwirrung sorgen.
(Quelle: FRED, https://fred.stlouisfed.org/series/GEPUCURRENT )
Nehmen wir mal an, dass Sie diesen Index für ganz interessant oder besser gesagt aufschlussreich halten, dann brennt Ihnen vermutlich jetzt die Frage auf den Nägeln: wie sieht der Index denn für Deutschland aus, für hier wird er nämlich auch seit gut zwei Jahrzehnten erhoben. Und in der Tat weicht er in einer Hinsicht von den gezeigten Kurven deutlich ab: während sich in den USA und auch beim Weltindex die Unsicherheit nach der Corona-Krise mehr oder weniger wieder abgebaut hatte, blieben die Deutschen im Dauerstress. Und klar, dass der Indikator im April bei uns einen einsamen Höhepunkt erreicht hat – da brauchen Sie nur auf die Internetseiten der Zeitungen zu klicken.
(Quelle: FRED, https://fred.stlouisfed.org/series/DEEPUINDXM# )
Zum ganzen Gewese um unsere wirtschaftliche und politische Lage daheim – nebst Ukrainekrieg vor der Haustür – kam da auch noch die Unruhe um den oben bereits öfter genannten wilden Donald hinzu. Aber praktisch ging der Aufstieg der Unruhe – erst zaghaft und dann unter Schwankungen immer zügiger – schon im Februar 2018 los. Und dieses Jahr ist auch der Höhepunkt der deutschen Wirtschaftsaktivitäten. Da begann, zunächst unmerklich, der Konsum zu lahmen, geriet die wichtige Autoindustrie auf dem Heimatmarkt in die Krise, wurde die Politik immer erratischer: denken Sie an Energiewende, Klimaangst und Zuwanderungsfurcht. Selbst der Aufstieg der AfD fällt in diese Zeit. Lag sie Anfang 2018 in Umfragen noch so um die 11 Prozent, sind es heute gut doppelt so viele Prozentpunkte.
Wie das alles zusammenhängt, da müssen Sie wohl eher einen Psychologen oder Soziologen fragen. Einsichtig aber scheint mir, dass es da Rückkoppelungen gibt: bestimmte Entwicklungen laufen in die real oder vermeintlich falsche Richtung – darüber wird in den Medien oder untereinander heiß diskutiert – das verstärkt die Unsicherheit – was wiederum auf die Ökonomie und politische Konstellation Einfluss nimmt. Wenn Sie da andere oder ergänzende Ideen haben, schreiben Sie doch mal. Sie wissen ja, ich zitiere nie mit Namensnennung, bringe also niemand in Verlegenheit.