Liebe Leser,
wenn es bei Politikern eherne Gesetze gibt, dann steht eines ganz oben an: wir brauchen mehr Einnahmen, um die Wähler mit Ausgaben beglücken zu können. Deshalb kommen auch immer alle Ideen bei diesen Herrschaften schlecht an, die Steuern mal zu senken. Und mit der kalten Progression haben sie ja auch einen schönen Motor, der den Zuwachs bei der Staatsknete antreibt. Jahr für Jahr rutschen mehr Menschen in höhere Steuerklassen. Jede Tarifverhandlung freut den Finanzminister. So kann man auch trotz Krisengerede wohl davon ausgehen, dass die Steuereinnahmen in den nächsten Jahren weiter steigen, jedenfalls, wenn der „Arbeitskreis Steuerschätzungen“ halbwegs richtig liegt.
Ehrensache, dass jede Regierung trotzdem rumjammert, die Kassen seien leer. Doch aber nur, weil man in der Vergangenheit jede Menge nützliche und unnütze Ausgaben schon mal in Etat festgetackert hat. So ist der jährliche Zuschuss des Bundes an die Rentenkasse von über 110 Milliarden Euro als Ausgabenposten so bombensicher eingeplant wie es nur geht. Die einzige Variante besteht darin, um wieviel die Summe steigt. Denn dass sie steigt, dafür muss man bei einer alternden Bevölkerung und jährlichen Rentenerhöhungen kein Mathematikstudium beginnen.
Nun sind in den obigen Einnahmen noch nicht einmal alle Posten enthalten, nur hängen die Angaben bis zum letzten Cent immer ein wenig zurück, sie sind aktuell bis zum 3. Quartal 2024 zu haben. Ich habe Ihnen das noch mal dazu gepackt. Aber die Grundaussage – immer mehr – gilt natürlich auch hier.
Fast möchte man den Evergreen mit dem Refrain summen: „Immer mehr – Immer mehr – Immer mehr – Und der Wind weht wieder übers Meer.“ Ehe die Älteren unter Ihnen jetzt nachzusinnen beginnen: „Immer Mehr“ war das zweite Solo-Album von Herwig Rudolf Mitteregger (Jahrgang 1953) und erschien 1985 bei CBS Records. Sie erinnern sich: das waren so schwarze Scheiben, nix runterladen. Das Liedchen wird dem Genre Rockmusik und Pop zugerechnet und ist 4:22 Minuten lang. Mitteregger wurde in der Steiermark geboren, lebt aber seit dem 7. Lebensjahr in Deutschland. Wikipedia charakterisiert ihn als „österreichisch-deutscher Schlagzeuger, Sänger, Komponist und Produzent“.
Völliger Themenwechsel. Auch ein altbekanntes Phänomen ist, dass schlechte Nachrichten immer schnell herum-, gute indes gerne untergehen. Zur letzteren Kategorie gehört folgende Erkenntnis des Statistischen Bundesamtes: „Die Zahl der Menschen, die wegen Alkoholmissbrauchs stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, geht in Deutschland weiter zurück. Im Jahr 2023 wurden rund 62.300 Patientinnen und Patienten wegen akuter Alkoholvergiftung stationär in einer Klinik behandelt. Das waren 46,5 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor.“ Hört sich doch nun wirklich erfreulich an, dass nur noch etwa die Hälfte so viel Hardcore-Säufer in der Klinik länger behandelt werden müssen als auf dem Höchststand 2012. Diese Zahl des Monats, als Pressemitteilung am 25. Februar verbreitet, war aber – soweit ich das gesehen habe – den Medien keine einzige Zeile wert.
(Quelle: PM vom 25.2.25, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_09_p002.html )
Für mich als Statistikfreak auch ein bisschen erstaunlich, dass die Berufsstatistiker nun partout den Zehnjahreszeitraum mit exakt 46,5 Prozent nehmen müssen, wenn just ein Jahr davor ein noch höherer Rekord mit minus 51 Prozent zu verzeichnen war. Einprägsamer wäre doch gewesen zu schreiben: „Seit 2012 Klinikbehandlungen bei Alkoholmissbrauch mehr als halbiert.“ Aber so sind sie die Zahlenknechte in Wiesbaden: knochentrocken. Vielleicht auch deshalb medial erfolgloser als es sein müsste.
Um die Zahlen noch ein wenig zu hinterfragen: Männer machen unter den Krankenhaus-Säufern 69 Prozent aller Fälle aus. „Auch in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen ging die Zahl der Fälle im Zehn-Jahresvergleich zurück, um 60,9 Prozent auf knapp 7.800 Jugendliche im Jahr 2023. Dennoch werden damit in dieser Altersgruppe die meisten stationären Behandlungsfälle wegen akutem Alkoholmissbrauch verzeichnet,“ weiß die Statistik zu berichten. Aus meiner Sicht auch interessant: In dieser Altersgruppe der extremen Alkoholausprobierer liegt der Anteil der Jungen mit lediglich 34 Prozent deutlich unter dem bei allen Fällen (69 Prozent, s.o.). Entweder sind also die jungen Maiden mehr versoffen oder die jungen Kerle vertragen den Suff besser.
(Quelle: MDR, 4.2.25, https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/alkoholtrinken-suechtige-nicht-suechtige-gleiche-motivation100.html und Studie: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9485138/ )
Zu alledem passt dann auch eine andere Meldung: „Wenn es um Menschen mit Alkoholmissbrauchsstörung geht, geht die Medizin bisher davon aus, dass sie trinken, um depressive Stimmungen aufzuhellen und dass also mit dem Alkoholkonsum eine Art von Selbstmedikation betrieben wird. Eine Studie aus den USA belegt nun, dass dem nicht so ist. Sie zeigt vielmehr, dass Trinker genau wie Nicht-Alkohol-Süchtige beim Trinken den angenehmen Stimulus und das Vergnügen suchen und mögen.“ Die genannte Studie wurde übrigens von Professorin Andrea King von der University of Chicago verfasst.