Liebe Leser,
nachdem ich Ihnen gestern noch schnell die Entwicklung der SPD zum schlechtesten Ergebnis der Nachkriegszeit als Grafik gezeigt habe, hier der andere große Wahlverlierer: die FDP mit ihrem Chef Christian Lindner an der Spitze. Zum zweiten Mal flog sie aus dem Parlament und sank diesmal mit 4,3 Prozent auf einem Tiefenrekord. An dem zum Teil die hohe Wahlbeteiligung schuld war, aber seit Wochen schon lagen die Liberalen auch in den Umfragen unter der magischen Fünf-Prozent-Marke.
Nun haben Lindner und sein Vize Wolfgang Kubicki (Jahrgang 1952) angekündigt, aus ihren Parteiämtern auszuscheiden. Der Kieler allerdings nur so für eine Nacht, dann beschied er: „Ich bin heute Nacht von so vielen Menschen aus der Partei und von Unterstützern gebeten worden, die Führung der Partei zu übernehmen, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, im Mai zu kandidieren, um die Partei zusammenzuhalten und neu zu motivieren.“ Nur zu hoffen, dass nicht auch bei Robert Habeck allzu viele anrufen, der hat nämlich gestern seinen Verzicht auf grüne Ämter erklärt.
Eigentlich dachte man, bei Kubicki sei die Sache klar, er wird am 3. März 73 Jahre alt und kann schlecht für eine Erneuerung der Partei auf vier Jahre stehen. Wir sind ja hier nicht im Biden/Trump-Land mit seiner Gerontokratie. Aber was kümmert mich mein Geschwätz von gestern, hat er sich wohl gedacht. Lindner will wohl in die Wirtschaft und dort sein Adressverzeichnis zu Geld machen. Im Wahlkampf wurde er 46 Jahre alt und bald wird er Vater, da wäre ein bisschen mehr Einkommen willkommen. „In dunklen Momenten während der letzten 10 Jahre habe ich auch schon mal gedacht: Ach, wie wäre es eine Karriere zu haben mit weniger Ärger, mehr Zeit und nicht unbedingt weniger Einkommen“, gestand er RTL. In einer Youtube-Sendung gab er mal an, er verdiene derzeit „ungefähr 6.000 Euro netto im Monat“. Na dann auf gutes Gelingen, da kann er dann auch wieder bezahlte Reden halten, was ihm vor seinem Ministeramt ein schönes Zubrot sicherte.
(Quelle: SZ, https://www.sueddeutsche.de/politik/fdp-christian-lindner-ruecktritt-li.3207996 )
Nun hat die Partei die Chance, sich ein neues Profil zu geben. Mein Vorwurf an Lindner lautete immer: er hat die FDP zu einer Zwerg-Volkspartei mit einer gewissen Beliebigkeit gemacht. Mir hat immer eine Klientelpartei der Besserverdienenden und (erhofften) Aufsteiger vorgeschwebt, die es auf 10 Prozent und nicht auf viel, viel mehr anlegt. Aber meine Vorstellungen sind natürlich belanglos.
(Quelle: FAZ, https://www.faz.net/aktuell/politik/bundestagswahl/christian-lindner-tritt-ab-wer-die-fdp-jetzt-fuehren-koennte-110316257.html )
Was kommt nach ihm?“ fragt sich die FAZ nach dem Abschied von Lindner und spielt potentielle Kandidaten durch. Aber wenn man dann die Namen liest, wird schnell klar, die Aussichten auf ein lautes Hurra sind dabei nicht allzu günstig. Marie-Agnes Strack-Zimmermann wird genannt, aber die sagte am Wahlabend, sie sei da glücklich, wo sie sei – in Brüssel. Politikerwort hat zuweilen nicht mal 24 Stunden Haltbarkeitsdatum. „Ich stehe voll und ganz hinter der FDP und werde dort in der Partei Verantwortung übernehmen, wo es notwendig ist und wo es gewünscht wird“, tönte die EU-Abgeordnete gegenüber der „Bild“-Zeitung schon am nächsten Morgen.
Lindner selbst würde womöglich seinen bisherigen Fraktionsvorsitzenden Christian Dürr als Nachfolger gerne sehen. Gegen den spricht aber gerade die Nähe zum langjährigen Vorsitzenden, das wäre ein Weiter-so, nur halt dann ohne die Aufmerksamkeit einer Parlamentspartei. Nun wird es wohl auch jede Menge Nabelschau geben. Wer war schuld, wer hat wann was gesagt oder nicht gesagt? Was hätte man anders machen sollen? „Darüber wird die Partei in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten noch weiter diskutieren“, schwant der FAZ. Das ist wohl eine eher naheliegende Prognose.
Man kann sich auch vorstellen, warum die Ampelparteien 19,5 Prozentpunkte von ihren ursprünglich zusammen 51,8 Prozent verloren haben, also weit über ein Drittel aller Anteile: neben handwerklichen Schnitzern (Heizungsgesetz), einem irgendwie geheimnisvoll wirkenden Kanzler, lief auch die Wirtschaft nicht. Mehr und mehr begannen sich die Leutchen draußen Sorgen um ihre ökonomische Zukunft zu machen. Vielen leuchtete ein, dass bei einer Dauerstagnation in den Fabriken und da und dort handfesten Problemen früher oder später auch der eigene Geldbeutel in Gefahr geraten würde. Und tatsächlich ging es bei traurigen Kennzahlen wie Gewerbeabmeldungen und Insolvenzzahlen in Ampelzeiten nicht gerade beruhigend zu.
Sofort eingeräumt, für die Nachwehen von Corona und dem beginnenden Ukrainekrieg mit seinem Inflationsschub konnten die Ampelmännchen und -frauchen nichts. Aber wer am Ruder steht, muss sich das Halten des Kurses halt zurechnen lassen, auch wenn er unverschuldet in raue See gerät. Wie wohl klingen da Versprechen der Linken, man müsse nicht härter ranklotzen, sondern könne einfach ein paar Milliardären die nötigen Mittel aus der Tasche ziehen. Wenn die AfD – wie oft gesagt – Populisten sind, dann ist es diese Brut aus LINKE und BSW aber auch.
Übrigens: schon am nächsten Sonntag steht uns die nächste Wahl ins Haus – in Hamburg wird die Bürgerschaft neu gewählt. Die Hansestadt ist sozusagen noch das Kronjuwel der SPD. Mit 32 Prozent in den Umfragen ist der dortige SPD -Wert der beste in ganz Deutschland und liegt auf dem Doppelten des Bundesdurchschnitts. Und dann auch noch die mit um die 18/19 Prozent starken GRÜNEN, mit denen man eine Erneuerung der endlosen Koalition anstrebt. Zwar liegen auch an Elbe und Alster die aktuellen Zustimmungswerte sieben Prozent unter dem letzten Wahltag am 23. Februar 2020 und auch die GRÜNEN müssen in dieser Größenordnung Federn lassen, aber niemand zweifelt an einer Fortsetzung der Amtszeit des Ersten Bürgermeisters und Scholz-Nachfolgers Peter Tschentscher (Jahrgang 1966).
(Quelle: Wahlrecht.de, https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/hamburg.htm und: https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Der-Spitzenkandidat-der-SPD-in-Hamburg-Peter-Tschentscher,tschentscher1330.html )
Der ehemalige Finanzsenator in Scholzens Cum-Ex-Zeiten glaubt, dass sich Rot-Grün in Hamburg bewährt habe, so Tschentscher noch letzten Freitag. Einen Kuschelkurs gebe es im Wahlkampf zwischen den Dauer-Koalitionspartner aber nicht. Der Bürgermeister betonte, seine Wunsch-Regierung brauche „einen möglichst starken SPD-Anteil“. Denn es sei manchmal nötig, „die Grünen unterzuhaken und zu sagen ’nee, das machen wir dann doch anders“. Einen leichten Dämpfer bekam die Hamburger SPD bei der sonntäglichen Bundestagswahl: statt der 32 Umfrageprozente auf Landesebene bekam sie dort nur 22,7 Prozent. Bei der letzten Bundestagswahl hatte sie noch 29,7 Prozent erreicht. Aber das wären dann die oben genannten sieben Prozent minus. Mal sehen, ob das Scholz-Aus noch in die eine oder andere Richtung was verändert – wohl eher nicht.
Themenwechsel. Zum Schluss noch was Unpolitisches. Fast eine halbe Million Gesundheitsgeschichten von englischen Patienten hat eine Studie ausgewertet und daraus Risikofaktoren, aber auch positive Einflüsse herausgefiltert. Die Untersuchung ist im Fachblatt „Nature“ kürzlich erschienen. Nun will ich Ihnen nicht vorflunkern, ich würde auch noch neben der börsenrelevanten Lektüre alle möglichen Fachzeitschriften durchackern. Mein Lieblingsblatt ECONOMIST hat die Studie aufgegriffen.
(Quellen: https://www.nature.com/articles/s41591-024-03483-9 und: https://www.economist.com/graphic-detail/2025/02/19/do-lonely-people-have-shorter-lives )
Das Resümee: „Genetische Faktoren spielen bei der Gesamtlebensdauer eine überraschend geringe Rolle. Alter und Geschlecht erklärten 47 Prozent der Variabilität der Sterblichkeit, während die Genetik nach Berücksichtigung dieser Faktoren nur drei Prozent beisteuert. Umwelt- und Lebensstilfaktoren machen etwa 17 Prozent aus. Der Rest der Unterschiede bei der Sterblichkeit kann nicht vorhergesagt werden.“ Nun kann man am biologischen Geschlecht und vor allem am Alter nicht viel ändern und auch mit den Genen muss man halt leben oder sterben.
Also konzentrieren sich die persönlichen „Gestaltungsmöglichkeiten“ auf den Rest. Einige Erkenntnisse dazu sind Allgemeingut. So erhöht das Rauchen das Risiko eines vorzeitigen Todes um rund 60 Prozent im Vergleich zu einem Nichtraucher gleichen Alters, Geschlechts und gleicher Herkunft. Umgekehrt reduziert körperliche Aktivität das Sterberisiko um rund ein Viertel.
Die Studie ergab jedoch auch, dass soziale Bindungen ein überraschend starker Indikator für ein langes Leben sind. Das Zusammenleben mit einem Partner war ungefähr so vorteilhaft wie körperliche Betätigung. Regelmäßige Besuche bei der Familie oder jemanden, dem man sich anvertrauen kann, schienen das Sterberisiko ebenfalls zu senken. Einsamkeit hingegen ist ein bekannter Risikofaktor für einen frühen Tod – Menschen, die sozial isoliert sind, neigen zu höheren zellulären Entzündungswerten und schwächeren Immunreaktionen. Es ist jedoch nicht klar, ob dies eine direkte Folge des Alleinseins ist oder daran liegt, dass einsame Menschen weniger aktiv sind und sich schlechter ernähren.
Einsamkeit wirkt sich auch auf das psychische Wohlbefinden aus – ein weiterer Faktor für die Lebenserwartung. Menschen, die in Umfragen der englischen Biobank angaben, sich genervt oder lustlos zu fühlen, hatten ebenfalls ein höheres Risiko, vorzeitig zu sterben. Wer angab, sich oft müde zu fühlen – was ein Symptom von Depression oder Burn-out sein kann – hatte ein um 45 Prozent höheres Sterberisiko als energischere Altersgenossen.
All diese Ergebnisse stehen unter Vorbehalt. Die Studie ist ein Beispiel für Korrelation, nicht für Kausalität. Einen offenen Kamin im Haus zu installieren oder sich mit Käse vollzustopfen, wird wahrscheinlich kaum dazu beitragen, das Altern zu verlangsamen – aber beide Faktoren waren statistisch mit einem geringeren Sterberisiko verbunden. „Wahrscheinlich, weil sie in Großbritannien auch mit höherem Wohlstand in Verbindung gebracht werden können“, vermutet der ECONOMIST.
Aber pflegen Sie wegen der Sozialkontakte Ihren Lebenspartner und Ihre Bekanntschaft und treiben vielleicht sogar noch Sport – schaden kann es ja nichts. Außer wenn man bei Joggen auf die Nase fällt. Ich als bekennender Nichtsportler muss mich mit den in der obigen Grafik gezeigten positiven Einflüssen trösten, die das Sterberisiko dämpfen: ich habe eine Frau, steckte fast 20 Jahre in die Ausbildung, habe nun 45 Berufsjahre und ein hohes Haushaltseinkommen. Da brauche ich wenigstens nicht die Scheinkorrelation Kamin einbauen.