Liebe Leser,
manchmal fragt man sich, wozu eigentlich die ganze Experten da sind? Haben Sie vor einem halben Jahr was davon gehört, dass wir auf eine veritable Autokrise zusteuern? Klar, der eine oder andere hat gesagt oder geschrieben, dass die Zeiten härter werden könnten, aber dass der größte Absturz seit der unseligen Finanzkrise bevorsteht, Leute in Masse entlassen und Werke geschlossen werden müssen, die Zulieferbranche in höchste Nöte geraten könnte, davon ist mir nichts in Erinnerung. Glaubt man dem Stimmungsbild, dann ist die Marktschwäche in Europa, der stotternde E-Auto-Absatz und die fehlende Wettbewerbsfähigkeit auf dem wichtigsten Markt China überraschend wie ein Tsunami herangerollt.
Schauen Sie sich mal beispielhaft die Kursentwicklung bei VW an, wo die Vorzugsaktie am Montag wie schon zuvor zeitweise unter 80 Euro und damit auf den Tiefstand seit der Finanzkrise 2009 abtauchte. In drei Jahren gingen 70 Prozent des anfänglichen Kursniveaus flöten. Dennoch blieben die meisten Aktienanalysten vergleichsweise entspannt. Wie zum Beispiel Rakossa von der Deutschen Bank, der noch Ende Oktober das Papier als „Kauf“ einstufte und ein Kursziel von 115 Euro sah. Wie schrieb er so schön: Die Modellerneuerungsrunde des Autobauers beginne Früchte zu tragen. Der Konzernumbau berge zudem erhebliches Potenzial. Zum Konzernumbau stand just zur gleichen Zeit in den Zeitungen, dass der Vorstand mindestens drei deutsch Werke ganz dicht machen will.
(Quelle: Finanzen.net, https://www.finanzen.net/analyse/volkswagen_vw_vz_buy-deutsche_bank_ag_975257 und: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/vw-betriebsrat-der-vorstand-will-mindestens-drei-werke-dichtmachen-a-d7aefa9a-d6cf-4a50-aeda-460d09ad566c und: MM, 10.4.24, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/rabatte-fuer-elektroautos-sinken-a-e9647333-ea6e-4e10-8d7b-be27b1f1ee18 )
Aber auch Experten außerhalb der Aktienwelt blieben im Vorfeld des Ungemachs merkwürdig ruhig. Selbst altgediente Erklärbären wie Ferdinand Dudenhöffer (Jahrgang 1951) beschäftigten sich noch im Frühjahr eher geruhsam mit Randthemen, etwa dass in Deutschland der E-Auto-Absatz lahmen würde. Anfang April erwartet der langjährige Papst der Automarkerklärer für die kommenden Monate schwache Verkaufszahlen bei E-Autos und einen Marktanteil von unter 10 Prozent. Bei Klein- und Kompaktwagen seien die jeweiligen Verbrennermodelle zwischen 11.000 und 14.000 Euro günstiger als die vergleichbaren Batterieautos. Dazu kämen politische Kampagnen gegen das E-Auto. „Für die Autobauer macht es keinen Sinn, mit hohen Verkaufsförderungsaktionen sich gegen die politische Stimmung und die über Nacht gestrichenen staatlichen Verkaufsprämien zu stellen“, folgerte der Experte. Klingt nicht gerade nach panischen Warnrufen.
Themenwechsel. selbst ein Diktator, der auf einem Ölfass sitzt, hat es im Krieg nicht leicht. Zumal, wenn er seine Untertanen wegen der Stimmung im Volk nicht zum Waffendienst zwingen will, sondern mit Vorteilen anzulocken versucht. Wladimir Putin ist in so einer Lage. Gleich zu Beginn des Krieges türmten potentielle Einziehungsopfer ins Ausland, auch daheim braucht es dringend Arbeitskräfte, um den Waffennachschub zu sichern und je nach Geheimdienstbericht fallen jeden Tag 1.000 bis 1.500 Soldaten, werden viele weitere verletzt, die ersetzt werden müssen. Auch demographisch sieht es mau aus, das spielt kurzfristig keine große Rolle, aber Russlands Bevölkerung schrumpft auf natürlichem Weg. Kein Wunder, dass der Kremlchef bereits auf Soldaten fremder Länder wie Nordkorea oder dem Jemen zurückgreifen muss.
(Quelle: WiWo, 29.11., https://www.wiwo.de/politik/ausland/russlands-armee-die-verzweifelte-personalsuche-des-wladimir-putin-/30106636.html )
Nato-Generalsekretär Mark Rutte (Jahrgang 1967) schätzte vor einem Monat, dass mehr als 600.000 Soldaten bereits in der Ukraine gefallen seien. Da muss man schon zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen. So bietet Putin neuerdings einen verlockenden Deal an: ein Jahr in der russischen Armee und man ist schuldenfrei, jedenfalls bis zu 10 Millionen Rubel oder größenordnungsmäßig 90.000 Euro. „Der Kreml sucht nach jeder Möglichkeit, die Anreize für diejenigen zu erhöhen, die freiwillig in den ukrainischen Krieg ziehen“, weiß Wladislaw Inosemzew zu berichten, Ökonom beim Middle East Media Research Institute (MEMRI) in Washington und ergänzt: „Historisch betrachtet ist es das erste Mal seit dem 17. Jahrhundert, dass es in Russland eine Armee gibt, die wirklich gut bezahlt wird“, gleichzeitig ist die Bereitschaft der russischen Bevölkerung, in den Krieg zu ziehen, so niedrig wie nie.“
Die Offerte könnte auf Interesse stoßen, denn etwa zwei Drittel der Russen sind in irgendwie verschuldet, über 13 Millionen russische Kreditnehmer haben gar drei oder mehr Darlehn laufen und die Kreditzinsen sind sehr hoch. „Diese Maßnahme ist eine gute Idee, weil der Kreml die Kosten einfach auf die Banken abwälzen und diese dazu veranlassen kann, die Schulden abzuschreiben“, sagt Inosemzew. Denn die Gewinne der russischen Banken sind auf Rekordniveau und mit dem Kreml will es sich niemand verderben.
Denkbar allerdings, dass die hohen Lockprämien die kämpfende Truppe verärgern, denn die monatliche Soldzahlungen an die Soldaten sind nicht übermäßig gestiegen. 210.000 Rubel – umgerechnet etwa 1.800 Euro – verdient so ein Kämpfer, der seine Haut zu Markte tragen muss. Das ist vor allem im Vergleich zu den außerhalb des Krieges stark gestiegenen Löhnen eher mickrig, Angesichts des Mangels an Arbeitskräften haben sich die Durchschnittslöhne seit dem letzten normalen Jahr vor Corona und Krieg um fast drei Viertel nach oben entwickelt. Dieser Zuwachs ist fast doppelt so hoch wie in einem entsprechenden Vergleichszeitraum zuvor (siehe Grafik).
Der Sold ist daher „nicht unbedingt genug Anreiz für jemanden, sich dafür zu entscheiden, an die Front zu gehen und dort getötet zu werden“, so Inosemzew. Da kommen Soldaten aus dem Ausland oder aus Randregionen Risslands gerade recht. Während Putin bei heimischen Soldaten auf Freiwilligkeit und Anreize setzt, sind laut einem Bericht der „Financial Times“ Männer im Jemen mit der Aussicht auf bezahlte Arbeit in Russland und auf russische Staatsbürgerschaft geködert worden. Bei ihrer Ankunft in Russland wurden sie dann umgehend an die Ukrainefront verfrachtet.
„Der Kreml hat Angst vor wachsender Kriegsmüdigkeit an der Heimatfront und versucht, die blutigen Kosten des Krieges vor dem ‚Kernland‘ Russlands zu verbergen.“, zitiert die Düsseldorfer „Wirtschaftswoche“ Sean McFate, Experte für Privatarmeen und Berater am Think Tank „Atlantic Council“ in Washington und ergänzt: „Gut in Erinnerung seien dem russischen Machthaber die Friedensproteste in der UdSSR am Ende des sowjetisch-afghanischen Krieges geblieben, bei denen vor allem Mütter toter Soldaten auf die Straße gingen. Die Unterstützung des Kriegs in Russland ist offenbar brüchiger, als viele glauben.“ „Deshalb hat er schon immer Kämpfer von Orten rekrutiert, die den meisten Russen egal sind: Wehrpflichtige aus der Peripherie, Söldner der Wagner-Gruppe, andere private Militärfirmen, Gefängnisse, Nepalesen, Jemen und jetzt Nordkorea“, so McFate.
Weil wir gerade bei den Löhnen gewesen sind, hier noch ein Blick nach anderer Methodik, was die Verteuerung der Arbeitskraft angeht. Ich habe Ihnen mal die durchschnittlichen Reallöhne anhand der Angaben der Statistikbehörde Rosstat in Moskau ausgerechnet. Man muss den 12 Monatsdurchschnitt (rote Linie) ansehen, denn auch in Russland scheint es im Dezember eine hohe Zusatzzahlung zu geben, wie die Originalwerte (dünne braune Linie) zeigen. Nimmt man auch hier wieder den Zeitraum von vor Corona bis heute, dann kostet ein Beschäftigter inzwischen auch real – also um die Verbraucherpreise bereinigt – fast ein Viertel (24 Prozent) mehr als zuvor. Klar: Arbeitskräfte gingen ins Ausland, teilweise an die Front, vor allem aber lockt die auf hohen Touren laufende Wirtschaft.
(Quelle: BILD, 2.12.24, https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/putin-setzt-massiv-auf-krieg-rekord-ruestungsetat-genehmigt-674c766389f523666114081f )
Heißt im Klartext: die Ökonomie im Kremlreich läuft am Anschlag. Soll das Tempo der Rüstungsanstrengungen gehalten oder gar gesteigert werden, könnte das eigentlich nur über ein Zurückdrängen der privaten Nachfrage geschehen. Was die Notenbank mit Zinsen von rund 21 Prozent versucht, die wohl bald noch einmal um zwei Prozent angehoben werden könnten. Das liegt meilenweit über der – zumindest der veröffentlichten – Inflationsrate. Die geben die Statistiker für Oktober mit 8,5 Prozent an.
Denn der Kreml gibt immer mehr Geld für den Waffengang aus. Schon in den offen ausgewiesen Zahlen, die vom Parlament abgesegnet wurden, geht 2025 ein Drittel des Staatsetats für den „Sondereinsatz im Südosten drauf, umgerechnet 135 Milliarden Euro. Rechnet man noch andere Etatposten mit ein, könnten es auch leicht 40 Prozent sein Währenddessen werden die Sozialausgaben um 100 Milliarden Euro gekürzt. Das Ukraineabenteuer zahlt demnach der ganz kleine Mann in Russland.
Man ahnt, was dieser Krieg den beiden Staaten auch außerhalb des Schlachtfelds abverlangt. Aber der Verlust an Werten dort ist schon groß genug. Sie kennen das ja schon, ich versorge Sie regelmäßig mit den Verlusten an Material auf beiden Seiten. Nur zur Erinnerung: die genannten Zahlen stellen die Untergrenze der Einbußen dar, denn das Analyseinstitut ORYX wertet nur Bilder und Filmchen als bestätigt, die auch eine nachvollziehbare Ortung des Kampflatzes zulassen. Was nicht gefilmt wird, taucht in den Auswertungen nicht auf. Danach haben Russen und Ukrainer seit Kriegsbeginn zusammen rund 26.4000 schwere Waffen wie Panzern, Schützenpanzer, Raketenwerfer, Luftabwehrsysteme oder Kanonen verloren.
Nehmen Sie da einfach mal ein paar Millionen pro Stück an und Sie sind bei einem hohen zweistelligen Milliardenbetrag. Ein moderner Panzer kostet je nach Ausstattung fünf bis neun Millionen Euro. Natürlich ist bei den Verlusten auch viel alter Schrott dabei, der als Kanonenfutter aus den Arsenalen geholt wurde, aber auch superteure Flugabwehrbatterien gehen verloren, die viel mehr kosten. Und die Munition die da in die Luft geballert wird, muss auch noch gekauft oder produziert werden.
Vor allem aber: was wäre ein „Endsieg“ rein materiell wert? Es wird einer gewaltigen Aufbauleistung bedürfen, das Zerstörte wieder aufzubauen. Neben die Fehlleitung von Ressourcen für den Kampf kommen demnach noch die Zerstörungen. So richtig Freude machen kann der Krieg daher eigentlich nicht einmal mehr dem Kremlherren, der ihn gestartet hat. Aber das war auch gleich zu Beginn ein Flop: statt in rasender Geschwindigkeit in Kiew einzudringen und die dortige Regierung zur Flucht zu zwingen oder gefangen zu nehmen, artete das Ganze in ein inzwischen schon über drei Jahre anhaltendes verlustreiches Ringen aus. Und das um eine Region, die im Europavergleich eher arm ist und vor allem Schwerindustrie und Kohle bietet, die auf den Weltmärkten in Hülle und Fülle vorhanden sind. Nach einem dicken Geschäft für Putin hört sich all das selbst bei einem Sieg nicht an.