Liebe Leser,
einen netten Witz soll man weitergeben, die Zeiten sind hart genug. Nun zur Zusendung eines freundlichen Lesers:
„Ich fragte meine Tochter nach einer Zeitung. Sie sagte, ich solle mit der Zeit gehen und gab mir das iPad. Egal, die Fliege ist jetzt tot.“
Nun zu ernsteren Fragen. Erst kam der Dauerknatsch um das Ampelende, dann der Knatsch um den Wahltermin, jetzt also Knatsch um die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz – bei den Politikjournalisten qualmt die Tastatur. Ob die alte SPD gegen ihre Traditionssolidarität den Spitzenmann für den 23. Februar 2025 austauscht oder auf den Harris-Moment wartet (der dann ja nichts gebracht hat) kann ich Ihnen als nur widerwillig Politikinteressierter auch nicht sagen.
Aber dass die Chancen für den Olaf am Wahltag nicht allzu gut stehen, dazu muss man auch abseits der Umfragewerte kein großer Kenner sein. Insbesondere die Stimmung in der Industrie, die uns doch immer noch mit einigem Wohlstand versorgt, ist rabenschwarz. Schauen Sie einfach mal auf die dicke rote Linie für Deutschland und vergleichen das mit der braunen Linie für die gesamte EU mit ihren 27 Mitgliedern.
Bei der Diskrepanz liegt der Verdacht nahe, dass hier hausgemachte Probleme eine Rolle spielen. Und für die ist nun mal der Kanzler mitverantwortlich. Auch dem wenig an Wirtschaft Interessierten dämmert möglicherweise, dass es ohne bessere Laune in den Vorstandsetagen auch mit seinem eigenen Job nicht so recht vorwärts geht.
Ist Scholz (und sein Vizekanzler) an der schlechten Stimmung beim Management nicht ganz unschuldig, kann er eigentlich für ein anderes Phänomen nicht allzu viel: den größten Inflationsschub der letzten Jahrzehnte. Zur Erinnerung: nach Beginn des Ukrainekrieges explodierten nicht nur russische Granaten, sondern auch die deutschen Verbraucherpreise mit Schwerpunkt im Energiesektor. Alles wurde teurer und vermieste bei den Konsumenten die Laune.
Und jetzt, wo sich die Arbeitnehmer eigentlich über hohe Lohnabschlüsse einen Teil dieses Preisschubs wieder ausgleichen wollen, sieht die Konjunktur nicht allzu gut aus. Selbst die streitlustige IG Metall setzte bei ihrem Tarifabschluss vorsichtshalber übers Jahr nur bescheidene 2,2 Prozent Steigerung durch. Ob die Wähler bei einer potentiellen Schuldzuweisung alles schön auseinanderhalten können oder die Ampelzeit einfach als eine trübe Episode für ihr Portemonnaie ansehen, weiß man nicht so recht.
Das wäre übrigens auch eine demoskopische Frage wert, wenn die Genossen doch plötzlich Boris Pistorius aufs Schild heben. Der ist zwar dank seiner sympathischen Art und zupackenden Sprache schwer beliebt, aber auch erkennbar Teil des Ampel-Establishments und in Wirtschaftsdingen hat er sich noch nicht hervorgetan. Beides erinnert ein wenig an Kamala Harris und ihren gescheiterten Versuch, mit viel Fröhlichkeit und Volksnähe bei der US-Wahl zu punkten. Und in ihre Amtszeit als Vizepräsidentin fiel auch in den USA der oben beschriebene Preisschock. „It’s the economy, stupid“ (Wahlstratege von Bill Clinton 1992).
Noch ein kleiner Hinweis: nach derzeitigem Umfragestand, wenn FDP und Linke 2025 nicht in den Bundestag kommen, würde außerhalb der AfD überhaupt nur eine Zweierkoalition hinhauen, nämlich Schwarz/Rot. Mit Grün würde es bei aktuellen 11 Prozent nicht oder allenfalls sauknapp reichen. Aber natürlich kann sich alles noch mächtig verschieben, wie man 2021 gesehen hat.
Last not least ein kurzer Blick in den aktuellen Monatsbericht der Deutschen Bundesbank. Natürlich verrät sie nicht, wie sich die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) im nächsten Jahr entwickeln werden. Aber immerhin hat man aus den Einschätzungen von Kapitalmarktprofis deren gesammelte Erwartungen zu drei Stichtagen zusammengestellt.
Glaubten sie noch Mitte dieses Jahres an eine sehr gemächliche Absenkung der EZB-Leitzinsen (obere gepunktete Linie) und gegen Ende 2025 sogar wieder an einen Anstieg, lagen diese Erwartungen zum 30. September (mittlere Linie) und auch zuletzt am 14. November (untere Linie) deutlich niedriger. Und von einem Wiederanstieg nächstes Jahr war keine Rede mehr.
(Quellen: Bundesbank, https://publikationen.bundesbank.de/publikationen-de/berichte-studien/monatsberichte/monatsbericht-november-2024-942866?article=finanzmaerkte-943008 )
Die Volkswirte der Bundesbank schreiben dazu: „Auch der von den Marktteilnehmern erwartete Pfad für die Leitzinsen in der kurzen und mittleren Frist für den Euroraum gab deutlich nach. So lag der aus Geldmarktsätzen abgeleitete erwartete Einlagesatz bis Mitte 2025 zuletzt bei 1,8 % und damit etwa 150 Basispunkte unter seinem aktuellen Niveau.“
Neben dem abnehmenden Inflationsdruck vermuten die Bundesbank-Volkswirte: „Zudem zeigte sich anhand einiger überraschend schwacher Konjunkturindikatoren vor allem in Deutschland, dass sich der Konjunkturausblick für den Euroraum unerwartet eintrübte.“ Wohl wahr, eigentlich hatten sie zu Jahresbeginn im 2. Halbjahr 2024 eher mit einer leichten Beschleunigung der Konjunktur gerechnet. So ist das halt mit den Prognosen.