Liebe Leser,
an spannenden Börsentagen wie heute kann ich Ihnen auch nicht mehr über die Zukunft, denn die heutige Situation ist eine Gleichung mit zig Unbekannten. Was ich kann, dank eines umfassenden Archivs und einer ebensolchen Bibliothek kann ich Ihnen erzählen, wie die Vorgeschichte gewesen ist, dies natürlich in diesem Format nur in Schlaglichtern. Bebilderung lasse ich heute mal weg, weil das Epos ohnehin schon lang ist.
Der Wiedereintritt Persiens (ab 1935 Iran) in die große Weltpolitik beginnt genau am 28. Mai 1901. Da unterzeichnen Schah Musaffar al-Din (1853-1907) und der englische Großspekulant William Knox D’Arcy (1849-1917) eine Konzession, die dem Briten die Suche nach Öl im Land erlaubt. Die englische Regierung steht dem Vorhaben wohlwollend gegenüber, weil sie den Einfluss Russlands dort zurückdrängen und einen russischen Zugang zum indischen Ozean verhindern will. Dass es Öl im Land gibt ist sehr wahrscheinlich, man muss es allerdings noch finden.[i]
To make a long story short: das Öl wird 1909 gefunden, das ist der Start der nahöstlichen Ölindustrie, über eine Zwischenstufe der Anglo-Persian-Oil entsteht 1954 die heutige British Petroleum Company, kurz BP. Einen entscheidenden Beitrag zum Aufstieg hat vor dem Ersten Weltkrieg Winston Churchill (1874-1965) – ab 1911 als Marineminister – geleistet: die Umstellung der mit Kohle angetriebenen Kampfschiffe auf (persisches) Öl. Zusammen mit dem Aufstieg des Öls bei Autos und Panzern, aber auch in der Petrochemie, macht das den pechschwarzen Rohstoff zu einem Machtmittel erster Güte.
Selbst mit den zunächst bescheidenen Anteilen am Gewinn von 16 Prozent bekommt Teheran neben dem Löwenanteil der Engländer allerhand Geld in die Staatskasse. Allerdings regt sich gerade nach dem erfolgreich mit iranischem Öl gewonnenen Zweiten Weltkrieg zunehmend Unmut im Lande, weil die Einnahmen Londons aus der Ölförderung deutlich höher ausfallen als die Teherans. Zudem ecken die Engländer mit ihrem kolonialen Auftreten auch sonst bei der Bevölkerung an.
Und nun kommen erstmals die Amerikaner stärker ins Spiel. Mit Gesetz vom 15. März 1951 hat die iranische Regierung die Anglo-Persian verstaatlicht und kurz darauf die „National Iranian Oil Company (NIOC) gegründet. Dem charismatischen neuen Premierminister Mohammad Mossadegh (1880-1967) fällt die Aufgabe zu, die Verhandlungen über die Modaltäten dabei – speziell eine Abfindung – zu führen. Im Zuge der harten Auseinandersetzungen zwischen den Engländern und vor allem ihrem Geheimdienst, holen die sich zur Entmachtung Mossadeghs die amerikanische CIA zu Hilfe. Ohnehin wird mit harten Bandagen gekämpft: die Briten versuchen 1952 mit einer Blockade iranische Ölexporte zu verhindern und ziehen ihre Techniker ab. Durch die wegfallenden Öleinnahmen kommt es im Land zur wirtschaftlichen Abadan-Krise.
All das, vor allem auf der Ebene der Geheimdienste, hat Elemente eines Thrillers. Angesichts der Wühlarbeit wird Mossadegh schließlich als Premier abgesetzt und als Hochverräter Ende 1953 vor ein Militärtribunal gestellt. Statt der verhängten Todesstrafe begnadigt ihn der Schah zu drei Jahren Gefängnis. 1956 wird er entlassen und verbringt den Rest seines Lebens ein Jahrzehnt lang bis 1967 im Hausarrest.[ii] Neben all diesen Umtrieben haben die Engländer und Amerikaner auch dafür gesorgt, dass Mohammad Reza Pahlavi (1919-1980) als Schah auf den Pfauenthron gelangt ist. 37 Jahre sitzt er dort als einer von drei weltweit noch verbliebenen Kaisern. Doch 1978 ziehen hunderttausende wütender Perser durch die Städte des Landes und rufen: „Mordebad Schah“, Tod dem Schah.
Völlig unverständlich ist ihr Unwillen nicht: der Herrscher gilt den Moslems als westliche Marionette, verplempert den Ölreichtum des Iran in Luxus und vor allem sündhaft teuren Waffenkäufen, vorzugsweise von der Weltmacht, die 1953 zusammen mit den Engländern den beliebten iranischen Premier Mohammad Mossadegh (1880-1967) in der Operation „Ajax“ um die Macht gebracht hat: den USA. Aber damit nicht genug, als der Volksaufstand beginnt, lässt der Schah Kampfhubschrauber und Panzer gegen die Massen einsetzen. Prompt kommt es zum Generalstreik und einer Spirale der Gewalt. Der Pfauenthron beginnt immer mehr zu wackeln. Zumal in Paris auch noch ein Gegenspieler im Exil sitzt, der sozusagen das genaue Gegenbild zum weltlichen Schah abgibt: der charismatische Ajatollah Ruhollah Chomeini (1902-1989).[iii] Hinter ihm scheint ein beachtlicher Teil der Geistlichen in den 18.000 iranischen Moscheen zu stehen.[iv]
Anfang 1979 überstürzen sich dann die Ereignisse. Der Schah flieht am 16. Januar aus Teheran. Zwei Wochen später landet am 1. Februar eine Maschine dort, die Chomeini aus Paris zurück in die Heimat bringt. Der Jubel der Massen ist riesig, die Islamische Republik beginnt sich abzuzeichnen. Der Ajatollah hat zwei Hauptfeinde: die Dynastie der Pahlavi und die USA. Schon den Vater des geflüchteten Schahs hat er zutiefst verachtet: „Für uns ist die Diktatur Reza Khans ein einziges Verbrechen. Diese Diktatur hat uns alles geraubt.“ Die Weltmacht, die sich überall einmischt, beschreibt er als den „großen Satan, der teuflische Pläne ausheckt, die zur fremden Vorherrschaft führen“.[v] Was kaum jemand im Iran geglaubt haben dürfte: die als hinterhältiger Drahtzieher der USA angenommene Geheimdienst CIA ist zu dieser Zeit vor Ort ein ziemlich zahnloser Tiger. Im Sommer 1979 besteht dieses CIA-Büro aus ganzen vier Mann und das Quartett ist gerade erst frisch ins Land geschickt worden. Einer von ihnen, ein 32-jähriger Ex-Marinesoldat ist erst neun Monate zuvor überhaupt in die „Agency“ eingetreten.
Zum Testfall für das Verhältnis zwischen ihrem Arbeitgeber in Washington und dem neuen Teheraner Regime wird die US-Botschaft werden. Schon Anfang des Jahres haben kommunistische Studenten sie besetzt. Sie werden aber von den Anhängern des Ajatollah vertrieben und das Botschaftspersonal befreit. „Macht Euch keine Sorgen wegen eines neuen Angriffs auf die Botschaft“, meldet der CIA-Filialleiter in die Entscheidungszentralen daheim. Aber er macht eine wichtige Einschränkung: „Das Einzige, was einen Angriff provozieren könnte, wäre, wenn die Vereinigten Staaten den Schah ins Land ließen – und niemand hier ist töricht genug, das zu tun.“
Schah-Anhänger in den USA, allen voran Henry Kissinger (Jahrgang 1923), sind es, die den damaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter (Jahrgang 1924) dazu drängen, den todkrebskranken Ex-Verbündeten in Amerika sterben zu lassen. Nicht zu Unrecht stellt der ehemalige Erdnussfarmer an seine Umgebung die Frage: „Was machen wir, wenn sie sich 20 unserer Marinesoldaten schnappen und jeden Morgen bei Sonnenaufgang einen von ihnen töten? Ziehen wir dann in den Krieg gegen den Iran?“
Zwei Wochen später, es ist der 4. November 1979 um 11:30 Uhr, besetzt eine dem Ajatollah ergebene Gruppe von etwa 400 iranischen Studenten aus Protest gegen die Aufnahme des Schahs die Teheraner US-Botschaft und fordert seine Auslieferung. 66 amerikanische Bürger sind nun Geiseln. Die Demütigung der kommenden 444 Tage wird bis zum 20. Januar 1981 dauern und Carter den Job im Weißen Haus kosten.[vi] Seinem Nachfolger Ronald Reagan (1911-2004) fällt die Freilassung der Gefangenen wie eine reife Frucht zu Beginn seiner achtjährigen doppelten Amtszeit in den Schoss. Die Geiseln kommen genau am Tag seiner Amtseinführung auf freien Fuß und noch symbolträchtiger zu der Zeit, als Jimmy Carter das Oval Office verlässt.
Gleich zu Beginn hat der Carter-Administration gedämmert, dass das eine langwierige Angelegenheit werden könnte. Die Iraner lehnen direkte Verhandlungen ab. „Die Regierung beginnt die Öffentlichkeit auf eine Krise vorzubereiten, die Wochen oder mehrere Monate dauern kann“, vermutet die „New York Times“ schon im Januar 1980.[vii]
Das Weiße Haus sieht der fatalen Entwicklung durchaus nicht tatenlos, allerdings erfolglos zu. In der Nacht vom 24. zum 25. April 1980 soll eine gewagte Militäraktion namens „Eagle Claw“ die Schmach beenden. Sechs C-130-Transportflugzeuge und acht RH-53D-Sea-Stallion-Hubschrauber sollen sich auf einem Behelfslandeplatz in der Großen Salzwüste etwa 200 Meilen von Teheran entfernt treffen. Die C-130 sollen Soldaten mitbringen und die vom Flugzeugträger USS Nimitz anfliegenden Hubschrauber für eine Befreiungsmission neu auftanken. Doch es geht alles schief: ein Haboob, ein die Sicht stark einschränkender Sandsturm fegt über die Wüste hinweg. Die Maschinen erleiden Schäden, die Besatzungen werden krank. Zwei der Hubschrauber fallen durch den Sand aus, ein dritter wird bei der Landung beschädigt. Daraufhin brechen die Verantwortlichen um Präsident Carter die Mission ab. Beim Start kommt es zur Kollision eines Helikopters mit einer Transportmaschine. Beim Absturz sterben acht US-Soldaten und vier weitere werden verletzt. Die Leichen führen die Iraner triumphierend einige Tage später bei Demonstrationen in den Straßen Teherans Fernsehkameras aus aller Welt vor. Die Botschaftsgeiseln teilt man auf verschiedene iranische Städte auf, um einen erneuten Befreiungsversuch zu erschweren.[viii]
Aber warum hassen die Iraner nun Carter so und spielen seinem Nachfolger Ronald Reagan (1911-2004) den Erfolg zu? Vielleicht wegen seiner extremen Schlingerpolitik. Noch Ende 1977 bringt Carter bei einem Staatsdiner für den Schah einen Toast auf die iranische Monarchie aus, indem er sie als „Insel der Stabilität in einem stürmischen Meer“ lobt.[ix] Dann im Januar 1979 bei einer Konferenz der Regierungschefs der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands auf Guadeloupe die Wende: der Schah sei nicht länger zu halten.
Allerdings unterliegt er dabei einer Fehleinschätzung, denn seine Experten glauben, das iranische Militär könnte die Macht an sich reißen und eine prowestliche Politik betreiben. Wenige Tage nach der Konferenz verlässt der Schah sein Land. Carter verkündet vollmundig, die USA würden sich nicht in innere iranische Angelegenheiten einmischen. Er setzt auf Schapur Bachtiar (1914-1991) als Premierminister. Doch kaum ist Chomeini zurück in Teheran, geht Carters Favorit prompt in die entgegengesetzte Richtung nach Frankreich ins Exil.
Dann auch noch die Aufnahme des Schahs in den USA, das muss aus iranischer Sicht als Provokation erscheinen. Die Machthaber in Teheran können ja nicht wissen, dass Carter beim massiven Druck seiner Umgebung nach eigener Erinnerung hilflos gebrüllt hat: „Zum Kuckuck mit dem Schah! Er kann genauso gut Tennis in Acapulco spielen wie in Kalifornien.“ [x] Der US-Präsident äußert sich denn auch verbittert, als er nach dem Ausscheiden aus dem Amt privat die Ex-Geiseln in Frankfurt begrüßt: „Ich möchte es allen ganz deutlich sagen, dass die iranische Regierung – alle, die dafür verantwortlich sind – auf alle Zeiten verdammt sein mögen für diese Behandlung, die sie unseren Mitbürgern haben angedeihen lassen.“ [xi]
Klar, dass die zeitliche Inzidenz von Freilassung und Amtseinführung von Reagan auch die Gerüchteküche angeheizt hat. Um nur eine Verschwörungstheorie zu nennen: knapp ein Jahrzehnt nach den Ereignissen in der Botschaft behauptet der nun im Pariser Exil lebende, ehemalige iranische Präsident Abolhassan Banisadr (1933-2021), Reagans Umfeld habe durch Geheimverhandlungen mit iranischen Hardlinern die Freilassung der US-Geiseln vor dem Wahltag im November 1980 verhindert. Seiner Version nach habe der Iran dafür später Waffen erhalten, die via Israel geliefert worden sind.[xii] Reagan hat im November 1986 tatsächlich öffentlich im Rahmen der Iran-Contra-Affäre eingeräumt, dass die USA heimlich Waffen an den Iran geliefert hätten. Allerdings behauptet er dabei, das sei im Gegenzug zu einem vergeblichen Geiselfreikauf im Libanon geschehen.[xiii] Wird sich hundertprozentig vielleicht nie mehr klären lassen. Allerdings scheint gerade die Zeitgleichheit der Botschaftsfreilassung eher gegen einen raffiniert aus Amerika eingefädelten Plot zu sprechen.
Das ist die Vorgeschichte der anhaltenden Feindschaft zwischen den USA und dem Iran, die US-Präsident George W. Bush (Jahrgang 1946) das Land 2002 mit dem Irak und Nordkorea auf die „Achse des Bösen“ setzen lässt. Und was ist aus dem iranischen Öl geworden? Seit Ewigkeiten produziert das Land wegen westlicher Sanktionen unter seinen Möglichkeiten. Laut OPEC waren es im 1. Quartal 2024 fast 3,2 Millionen Barrel am Tag, knapp 12 Prozent der OPEC-Förderung und 3,1 Prozent des Weltverbrauchs.[xiv]