Liebe Leser,
am Wochenende wurde die März-Inflationsrate mit 2,2 Prozent bestätigt. Aber das ist es nicht, was ich Ihnen nahebringen möchte, denn die Inflationsstory lesen Sie in diesen Mails laufend. Ich habe mal in die Kommentarspalte eines Artikels der Zeitung WELT zum Thema geschaut und mir standen angesichts der dort an allen Ecken und Kanten verbreiteten Missverständnisse die Haare zu Berge. Da rächt sich dann, dass man in der Schule keinerlei Grundwissen in Sachen Wirtschaft mitbekommt, obwohl das doch nun wirklich jeden später über Jahrzehnte am eigenen Leibe angeht.
(Quelle: WELT, 12.4.24, https://www.welt.de/wirtschaft/article250994628/Teuerung-Inflation-schwaecht-sich-weiter-ab-Niedrigster-Wert-seit-April-2021.html?icid=search.product.onsitesearch )
Ich bringe Ihnen einfach mal ein paar Originalbeispiele.
— Rainer T.: „2,2%. Schön und gut. Aber die Preise sind und bleiben oben und müssen mit den ‚Alt-Löhnen‘ bezahlt werden …“
Nein, lieber Rainer, müssen sie ja nun nicht. Sie haben anscheinend die vielen Artikel über steigende Löhne nicht gelesen. Löhne und Preise sind ein dynamisches System der Anpassung. Die schwanken in einer halbwegs freien Marktwirtschaft umeinander.
— Martin T.: „Das Problem ist, die einmal erfolgte Teuerung bezahlt man immer weiter, daran wird und will auch die Politik nichts wirklich ändern.“
Lieber Martin, dieses angebliche Problem hängt mit der vorigen Antwort zusammen. Denn die Lohnsteigerungen kommen ebenfalls auf das alte Niveau drauf. Was wäre denn in einer Volkswirtschaft gewonnen, wenn die Preise ein für alle Mal festgetackert wären? Die DDR hatte so ein System, wenn es da weniger von „Bückware“ gab (die das Personal unter dem Ladentisch an Kumpels verteilte) als die Leutchen haben wollten, dann bekamen die übrigen das Zeug zu den festgelegten Preisen halt überhaupt nicht.
— Christian B.; „Selbst wenn diese Statistik wohl stimmt, so kann sie doch nicht drüber hinwegtäuschen, dass die Inflationsrate in den letzten Jahren ungesund hoch lag. Somit sind die Preise bereits auf einem sehr hohen Niveau. Um wieder auf ein annähernd normales Level der Preise zu gelangen, müsste die Teuerungsrate ins negative Fallen.“ (ich lasse alle Schreifehler stehen)
Lieber Christian, Ihr „ungesund hoch“ gilt allenfalls für die letzten drei Jahre wegen Corona-Lieferproblemen und Ukrainekrieg mit im Schnitt gut fünf Prozent. Davor lag die Anstiegsrate der Preise mit jährlich 1,3 Prozent ein Jahrzehnt ungewöhnlich niedrig. Aber das nur nebenbei. Doch was ist denn das angesprochene „annähernd normale Level“? Legt das der Christian fest? Und das mit der negativen Teuerungsrate sollten Sie sich nicht in stärkerem Umfang wünschen, denn das ist dann Deflation und die geht fast immer mit Wirtschaftskrise, weniger Arbeitsplätzen und weniger Lohnsteigerung einher. Nicht umsonst haben sich die Notenbanken nach der Finanzkrise ein Jahrzehnt lang bemüht, so einen Entwicklung zu verhindern. Auch dem nächsten Schaubild können Sie entnehmen, dass die letzte Inflationsepisode eher ein Ausnahmefall zu sein scheint und wir uns jetzt dem Durchschnitt wieder angenähert haben.
— Christoph L.: „Hat da jemand den statistischen Warenkorb neu sortiert?“
Lieber Christoph, dieser Argwohn oder Vorwurf ist wirklich ein uralter Hut. Der aktuelle Warenkorb, vornehmer das „Wägungsschema“ ist letztmalig mit seinen rund 700 Güterarten 2023 auf Basis der Konsumausgaben in 2020 aktualisiert worden. Für den März 2024 spielt diese Anpassung keine Rolle. Die aktuellen Indexgewichte sind auch keineswegs ein Geheimnis, wie der folgende Tabellenausschnitt in der roten Markierung zeigt. Ich teile ja durchaus eine gewisse Skepsis bei der Interpretation staatlicher Angaben, aber die Statistik der Verbraucherpreise ist über Jahrzehnte eine wissenschaftliche Diskussion, die zwar andere Ansätze denkbar macht, aber wenig Raum für Verschwörungstheorien lässt. Immer wieder wird geargwöhnt, dass irgendwelche dunklen Mächte an der Bearbeitung der Daten schrauben, aber das halte ich für Quatsch.
(Quelle: destatis, https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/04/PD24_150_611.html und: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Verbraucherpreisindex/_inhalt.html )
— Rebel Yell: „Stimmt gefühlt nicht, denn Diesel wurde teurer, Brot und Croissants auch, Hanuta ebenso…jetzt vor den Europawahlen noch schnell den falschen Warenkorb veröffentlicht…in diesem Land stimmt nichts mehr.“
Lieber Rebel (?), Sie sind ein typisches Beispiel für die gerade angesprochenen Skeptiker. Das Rauspicken von Beispielen wie etwa bei Ihnen Hanuta ist ein Lieblingssport dieser Verschwörungstheoretiker. Na klar steigt irgendein Preis immer schneller als der gewichtete Durchschnitt. Das Ganze wird dann garniert mit dem „falschen Warenkorb“, der aus welchen Gründen auch immer ausgerechnet „zur Europawahl“ von dunklen Kräften manipuliert wird. Da haben Sie aber tief in die Verschwörungskiste gegriffen.
— Katrin B.: „Die Inflation geht deutlich zurück. Lebensmittel wurden sogar im Jahresvergleich billiger“ Na vielleicht, weil die Supermärkte bemerkt haben, dass willkürliche Preisanpassungen kontraproduktiv sind?“
Ja, liebe Katrin, das ist eine richtige Erkenntnis. Wer merkt, dass seine angehobenen Preise vom Kunden nicht akzeptiert werden, der muss halt wieder senken. Ich verstehe nur den kritischen Unterton nicht, das ist doch der Sinn des Ganzen.
— Josef B.: „Nun, interessanter wäre ein Jahresvergleich. Ich zitiere Jens Berger ‚Während der Preis des statistischen Warenkorbs – also die offizielle Inflationsrate – sich im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,2 Prozent verteuert hat, beträgt die Teuerung im Vergleich zum Januar 2020 stolze 18,1 Prozent. Einzelne Positionen weisen sogar noch deutlich höhere Werte auf.“
Lieber Josef, und ich wette, im Vergleich zum August 1959 ist der Anstieg noch viel, viel höher. Aber die Inflationsrate misst nun mal, ob ich mir jetzt Sorgen machen und vielleicht meine Lohnforderung anpassen muss. Das hängt auch damit zusammen, dass – wie oben schon angesprochen – Preise und Einkommen in einem Wettlauf sind.
— weiszes rauschen: „Wir haben satte 20-30 % Kaufkraftverlust über die letzten Jahren erlebt. Dass jetzt die Steigerungsrate abgenommen haben soll (Euro-Durchschnitt!), hat sich auf mein Portemonnaie leider nicht ausgewirkt.“
Lieber (ich schätze mal) weißes Rauschen, Sie missverstehen wie viele nicht den Unterschied zwischen Preisniveau und Preissteigerungen. Sie würden den Unterschied in Ihrem Portemonnaie zu heute gemerkt haben, wenn die Preise wie im Oktober und November 2022 mit 8,8 Prozent Geschwindigkeit weiter geklettert wären. Das war immerhin vier Mal so schnell wie heute.
— Cornelia N.: „Das statistische Bundesamt soll mal offen legen, mit welchen Waren der Korb gefüllt ist?
1.ist da Gas drin( cO 2 Abgabe und MwSt Erhöhung ?)
2. Tanken?
3. Butter
4. Spargel
Ich habe bestimmt das ein oder andere vergessen. Ich behaupte die Inflation liegt noch bei 4%.“
Liebe Cornelia, auch wenn man den Argwohn, der Warenkorb sei getürkt noch so blumig verpackt („Ist da Spargel drin?), er wird damit nicht berechtigter. Der Warenkorb wird auf Basis von Verbrauchergewohnheiten zusammengestellt und in festgelegten Abständen angepasst, wenn er nicht mehr zeitgemäß ist. Sonst wären in ihm noch massenhaft Petroleumlampen und Kerzen für die tägliche Beleuchtung drin. Klar ist da Butter erfasst. Rätselhaft bleibt für mich, wie man wie Sie die Inflationsrate mit vier Prozent statt 2,2 Prozent behaupten kann, wenn man gar nicht weiß, was darin denn eigentlich erfasst wird.
Aber mit Ihren vier Prozent sind Sie eher noch konservativ. Ein gewisser „Dombacher M.“ schreibt: „Also beim wöchentlichen Einkauf liegt meine gefühlte Rate eher bis 5-10%.“ Und weiß auch gleich woran das liegt: „Aber man muss ja nur den Warenkorb richtig zusammenstellen, um gute Ergebnisse zu erzielen.“
— Guenter T.: „Inflation schwächt sich weiter ab – Niedrigster Wert seit April 2021. Wieder so eine Wortklauberei. Inflation steigt nicht mehr ganz so stark diese wäre die korrekte Formulierung. Aber solche Wortwahl könnte die Bevölkerung verunsichern.“
Lieber Guenter, wer hier Wortklauberei betreibt ist noch nicht raus. Mit Ihrer Wunschformulierung „Inflation steigt nicht mehr ganz so stark“ wollen Sie wohl andeuten, dass Ihnen 2,2 Prozent immer noch sehr hoch vorkommen? Und warum der Vergleich „Niedrigster Wert seit April 2021“ die Bevölkerung einlullen soll, ist mir auch nicht recht klar.
— SJN: „Spritpreis gestern für E10 bei 1,89,9 Euro. Strompreis deutlich höher als 2022. Gaspreis fast doppelt so teuer wie 2021. Und die Energiepreise sollen jetzt billig sein ?? Warum beklagt sich denn übrigens die Wirtschaft und Unternehmen weiterhin ständig über die horrenden Energiepreise in Deutschland?
Und noch was. Ich arbeite im Krankenhaus, Caritas Tarif Region Ost, obwohl ich in Hamburg wohne.
Gehaltserhöhung 2022 1,1% !!
Gehaltserhöhung 2023 1,3 % !!
Gehaltserhöhung 2024 : Fehlanzeige, dafür 2 Urlaubstage mehr.
Will man mich veräppeln ??“
Lieber SJN, Sie müssen sich schon irgendwie auf den Jahresvergleich einlassen, sonst werden Sie mit dieser Statistik niemals glücklich. Das ist natürlich Ihr gutes Recht, aber dann machen Sie sich doch Ihre eigene Rechnung. Das Statistische Bundesamt verfolgt halt seit 1948 (Einführung der D-Mark seligen Angedenkens“) ein anderes Konzept das in sich konsistent ist und Ihnen sogar erlaubt, komplett andere Berechnungen anzustellen. Wenn bei Ihnen die Inflationsrate Preise 2024 mit 2019 vergleicht – bitte sehr.
Und nun das mit ihren Lohnsteigerungen: Ja, man will Sie mit diesen Steigerungsraten wohl veräppeln. Aber warum lassen Sie sich das gefallen? Die ganze Gesundheitsbranche sucht doch händeringend Personal, warum bleiben sie dann bei der Caritas, wenn die so schlecht zahlt. Und nun mal so unter uns: wer blöd ist, bei einem Lohndrücker zu arbeiten und dann in einer der teuersten Städte Deutschland wohnt, der hat ganz andere Probleme als die Berechnung der Energiepreise.
In den bei meinem Durchblick 82 Kommentaren dominierte eindeutig die Skepsis und kam irre oft die Erkenntnis, dass eine sinkende Inflationsrate kein Sinken des Preisniveaus bedeuten müsste. Ich verstehe partout nicht, was daran als Heureka-Erkenntnis verblüffend sein soll. Inflation ist eine Veränderung der Verbraucherpreise, basta. Dass in Deutschland seit einem Jahrhundert die Angst vor der Inflation und nicht vor der Deflation im Vordergrund steht, hängt auch damit zusammen, dass damals 1923 die Ersparnisse des Mittelstands in einer Hyperinflation ausgelöscht wurden. In vielen Haushalten liegt irgendwo in einer Kiste oder eine Schublade noch ein Geldschein über Billionen Reichsmark. Umrechnung schließlich per 15. November 1923: eine Rentenmark aus einer Billion Reichsmark. Da war ihr altes Sparbuch natürlich so gut wie weg.
(Quelle: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Inflation_1914_bis_1923 )
Aber eine sanfte Inflation ist durchaus erstrebenswert, die Notenbank definiert sie mit zwei Prozent pro Jahr, doch das ist zum Teil willkürlich. Denn in ihr kommen Anpassungen und Verschiebungen im Preisgefüge zum Ausdruck. Und sie kann recht leicht durch die in der Nachkriegszeit üblichen Lohnsteigerungen ausgeglichen werden. Umgekehrt wird die Gefahr einer Deflation immer unter Wert gehandelt. Auf breiter Front und über eine längere Zeit sinkende Preise bedeuten, dass sich viele Konsumenten im Trend zurückhalten. Logisch, wenn ich den Kühlschrank nächsten Monat vermutlich billiger kriegen kann als heute, dann warte ich doch ab, wenn es der alte auch nur halbwegs noch tut. Das addiert sich dann aber leicht zu wirtschaftlicher Stagnation oder gar Rezession. Und dadurch sinkt irgendwann auch das Lohnniveau. Wie sollen Unternehmen sonst die sinkenden Verkaufspreise auffangen? Kein schönes, wenngleich wenig bekanntes, Szenario.