Liebe Leser,
starten wir doch mal mit einem kleinen Schwerz, der die Bildungsmisere umreißen könnte. Und dabei meine ich nicht die dreckigen Schultoiletten. „Wir treffen uns dreiviertel 12.“ Antwort eines jungen Menschen: „Hör auf mit dem Scheiß, ich hab‘ keinen Taschenrechner dabei.“
Nun zu noch aktuelleren Themen der Zeit. Da regen wir uns immer noch über die hierzulande abklingende Inflation auf. Im Februar lag sie nur noch bei 2,5 Prozent. Die Türken haben 4,5 Prozent – aber im Monat. Vergleichbar zu unserer Rate, also im Jahresvergleich, lagen die Verbraucherpreise 67 Prozent höher als im Februar 2023.
Zwei Dinge sind dabei für die Regierung in Ankara und den neuen Notenbankchef Fatih Karahan (Jahrgang 1982), der seine glücklose Vorgängerin abgelöst hat, nach meiner Einschätzung aus der Ferne bedeutsam. Die Preissteigerungen für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke kletterten mit 71 Prozent noch etwas schneller als der Durchschnitt. Das trifft die ganz kleinen Leute, die treuesten Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdoğan (Jahrgang 1954) und besonders auf die Tube drückten mit 95 Prozent Plus die Gastwirte und Hoteliers, das kann dem für das Land wichtigen Tourismus schaden, wenngleich die Schwäche der türkischen Lira da einiges wegbügelt.
(Quelle: Turkstat, https://data.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Consumer-Price-Index-February-2024-53623&dil=2 und: Ministerium für Kultur und Tourismus, https://www.ktb.gov.tr/EN-249307/tourism-receipts-and-expenditures.html
Mit umgerechnet 54 Milliarden US-Dollar, die letztes Jahr um stolze 17 Prozent zulegten, ist der Tourismus ein hochwichtiges Geschäft für die Türkei. 2023 machten 57 Millionen Besucher im Land Urlaub. Da ist es nicht gleichgültig, was man denen abknöpft. Kleines Warnsignal: rechnet man in Dollar um, wie das die inflationsgeplagten Türken schon immer tun, ging die Zuwachsrate 2023 im Vergleich zu 2022 von Quartal zu Quartal zurück. Im Schlussquartal lag die Wachstumsrate bei den Tourismuseinnahmen nach Angaben des Ministeriums für Kultur und Tourismus „nur“ noch bei knapp sieben Prozent und damit nicht einmal der Hälfte der Rate für das gesamte Jahr.
Generell gilt: wenn die Inflation nicht bald zurückgeht, wie das eigentlich von den Experten bereits erwartet worden war, steht eine trübe Entscheidung an. Denn bei 67 Prozent Inflation sind die Leitzinsen mit 45 Prozent eigentlich viel zu niedrig. Die Notenbank hatte gehofft, dass sich diese Schere schließen würde, aber bisher Fehlanzeige. Noch deutlich höhere Leitzinsen passten vermutlich dem alten Zinsfeind Erdogan nicht in der Kram.
Themenwechsel. Im Grunde sind Wall Streets Wunderaktien eine methodisch aufgebaute Gewinnmaschine. Weltweit kommen die großen Fonds, die international anlegen, kaum um diese Papiere herum, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, von den großen Aktienindices, an denen ihr Erfolg gemessen wird, abgehängt zu werden. ETFs (Exchange Traded Funds) legen gar per Definition so an wie der von ihnen abgebildete Index.
Das führt dazu, dass Gelder, die in diesen Vehikeln von Anlegern investiert werden, anteilig immer weiter in die Wunderaktien fließen. Was wiederum wegen der Wertsteigerung ein höheres Gewicht in den Indices schafft. Und so weiter und so fort. Besonders gut geölt läuft die Maschine, wenn die Unternehmen durch Aktienrückkäufe auch noch das Angebot an den dem Markt zur Verfügung stehenden Titeln verringern.
Ich will Ihnen das mal anhand eines anschaulichen Beispiels vorstellen, das Sie schon vom Markennamen her gut kennen: Apple. Zwar ist das Unternehmen seit einigen Monaten im Börsenwert etwas hinter den in dieser Hinsicht Dauerwettbewerber Microsoft zurückgefallen, aber immer noch mit etwa zwei Prozent der Welt-Börsenkapitalisierung ein Superwert. Das Beispiel eignet sich deshalb besser als Microsoft, weil – beginnend 2015 – mit per Ende 2023 immerhin 5,8 Prozent bei Apple ein finanziell denkender Großaktionär an Bord ist: die Anlagemaschine des legendären Investors Warren Buffett (Jahrgang 1930), Berkshire Hathaway.
Daneben halten die 10 am meisten engagierten ETFs und andere Fonds zusammen 2,8 Milliarden Apple-Aktien oder gut 18 Prozent des Aktienkapitals. Alleine der größte dieser Art, der „Vanguard Total Stock Market ETF“, besitzt drei Prozent vom iPhone-Hersteller. 6,3 Prozent seines Fondsvermögens stecken in Apple-Titeln. Beim kleineren und offenbar wagemutigeren Bruder „Vanguard Growth Index Fund“ sind es gar 13,6 Prozent.
Solche Schwergewichte wiegen umso mehr, weil der Konzern aus dem kalifornischen Cupertino seine Aktienzahl laufend durch Rückkäufe verringert. Vom Ultimo 2019 bis heute hat das Unternehmen rund drei Milliarden seiner ausstehenden Papiere oder 16 Prozent des Anfangsbestands am Markt wieder eingesammelt.
Dennoch scheint der Aufwärtstrend etwas zu ermüden. Nach einem flotten Lauf in den erst drei Quartalen des letzten Jahres stagniert das Börsenglück, werden offenbar mit KI (Microsoft & NVIDIA) bevorzugt andere Säue durchs Dorf oder besser Wall Street getrieben. Dass die Aktie trotz eher enttäuschende Geschäftsentwicklung – Gewinn pro Aktie 2023 trotz Rückkäufen nur plus ein mickriger Cent auf 6,16 Dollar – nicht stärker unter die Räder kam, hängt wohl mit der oben geschilderten Maschinerie zusammen. Selbst der Umsatz ging letztes Jahr um drei Prozent zurück – kein gutes Zeichen für ein Wachstumsunternehmen.
Bleibt die Frage: warum bleiben denn nun alle wichtigen Mitspieler auf ihren Papieren hocken? Recht einfach: weil sie nicht verkaufen dürfen wie die ETFs oder indexorientierte Fonds oder nicht sinnvoll verkaufen können wie etwa Berkshire Hathaway. Es kann dem Altmeister Buffett eigentlich nicht schmecken, dass zur Zeit 44 Prozent seines Portefeuilles in einem einzigen Papier wie Apple stecken.
Deshalb ging kürzlich auch ein leichtes Raunen durch die Reihen der Apple-Aktionäre, als bekannt wurde, dass Berkshire Hathaway im Schlussquartal 2023 für rund zwei Milliarden Doller Apple-Titel abgestoßen hatte. Für den Markt sind das Peanuts und für Buffett auch, aber der eine oder andere fragt sich natürlich, ob das mit den Verkäufen nicht bald kräftig weiter gehen könnte, wenn Warren schon mal angefangen hat. Er steckt allerdings in einem Dilemma: geht er beim Verkauf in die Vollen, muss er das für ein zurückliegendes Quartal melden. Und so eine Botschaft würde zweifellos den Markt und damit den Preis seiner verbleibenden Aktien belasten.
Ich erzähle Ihnen das – hier so ähnlich längst nicht zum ersten Mal – weil die Konzentration auf einige wenige Papiere, die im Gegensatz zur Masse der Aktien kräftig zulegen, eine ganze Menge von Anlegern bewegt. Die Frage die sich stellt, ist im Grund ja einfach: soll man da noch aufspringen, Microsoft, Apple, NVIDIA & Co. noch in der Hoffnung auf weiteren Anstieg kaufen oder aus Angst vor einer Trendumkehr und der hohen Bewertung lieber die Finger davon lassen? Nur die Beantwortung ist halt schwierig.
Nach diesem für viele wohl eher etwas sperrigen Thema noch ein wenig Info für Klugsch… Beim reichlichen Niederschlag in diesem Winter konnte man zeitweise den Eindruck gewinnen, feuchter wäre es noch nie gewesen. In der Härte dieser Aussage stimmt das nicht: zwar fielen 2023/24 in den vier Wintermonaten 277 Liter vom Himmel. Aber 2000 waren es ähnlich viel und 1994 und 1995 mit fast 279 Litern sogar noch mehr.
(Quelle: DWD, https://www.dwd.de/DE/leistungen/zeitreihen/zeitreihen.html?nn=480164#buehneTop )
Den Vogel schießt im Beobachtungszeitraum des Deutschen Wetterdienstes DWD seit 1882 indes das Nachkriegsjahr 1948 ab. Das brachte den wässrigen Jahrhundertrekord von 304 Litern.