Liebe Leser,
am Freitag habe ich Ihnen in der Mail „Konjunktur: Konsumflaute bald vorbei?“ meine Beobachtungen zum Thema Konsumlaune in Deutschland vorzuführen versucht. Ich wollte das kurz vor dem Wochenende nicht endlos in die Länge ziehen, daher hier noch ein Nachtrag. Ich habe mal den Konsum der privaten Haushalt in Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt=BIP) seit der Wiedervereinigung ausgerechnet. Das ist die braune Linie. Dieser Anteil geht schon seit Mitte der 2000-er Jahre – verstärkt nach der Finanzkrise . auffällig zurück.
Um Ihnen die Besonderheit der Konsumflaute seit 2020, also seit Corona und Ukrainekrieg, zu zeigen, habe ich den Durchschnitt des Konsumanteils von 1991 bis 2019 in Rot eingezeichnet und dann den Durchschnitt der besonders trüben Zeit 2020 bis 2023 in Schwarz. Und dazwischen klafft eine ziemliche große Lücke von 4,9 Prozent.
Nun ja, 4,9 Prozent hört sich nicht gleich nach einer Sensation an. Aber man muss diese „Unterkonsumtion“ mal in Beziehung setzen, um die Dimension zu erahnen. So ein Prozentsatz macht bei einem deutschen Bruttoinlandsprodukt von letztes Jahr gut 4.100 Milliarden Euro immerhin über 200 Milliarden Euro aus. Nur mal so als Anhaltspunkt: bei einem Grundlistenpreis von 29.275 Euro könnte man dafür 6,8 Millionen VW Golf kaufen. Das wären die deutschen Golf-Zulassungen von 84 Jahren.
(Quelle: BIP 2023 nach: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/Tabellen/inlandsprodukt-verwendung-bip.html und: https://www.google.com/search?q=listenpreis+vw+golf&oq=listenpreis+vw+golf&gs_lcrp=EgZjaHJvbWUyCQgAEEUYORiABDIHCAEQABiABDIHCAIQABiABDIHCAMQABiABDIHCAQQABiABDIHCAUQABiABDIHCAYQABiABDIHCAcQABiABDIHCAgQABiABDIHCAkQABiABNIBCDY5MTlqMGo3qAIAsAIA&sourceid=chrome&ie=UTF-8 und: https://www.kba.de/DE/Statistik/Fahrzeuge/Neuzulassungen/MonatlicheNeuzulassungen/2023/202312_GImonatlich/202312_n_top3.html?nn=3504038&monthFilter=12_Dezember&fromStatistic=3504038&yearFilter=2023&fromStatistic=4241250&yearFilter=2023&monthFilter=12_Dezember )
Und der negative Effekt wird nicht gerade kleiner, wenn man den gesamten Zeitraum von 2020 bis 2023 anschaut. Wäre die Konsumfreude auf dem Niveau des vorherigen Durchschnittswertes nach der Wiedervereinigung (53,6 Prozent) geblieben, hätten die Deutschen seit dem ersten Coronaquartal Anfang 2020 gut 700 Milliarden Euro mehr ausgegeben. Um noch mal beim Fahrzeugbeispiel zu bleiben: deutsche Pkw waren mit über 10 Jahren im Schnitt noch nie so alt wie heute. Und mehr als ein halbes Jahr älter als vor Corona.
Themenwechsel. Nun liegt von der Statistikeinheit der Internationalen Energieagentur so eine Art Schlussbilanz des abgelaufenen Öljahres 2023 vor. Ein wenig trübt den Überblick, dass Russland als vermutlich zweitgrößter Produzent der Welt seit April vorigen Jahres – aus einsehbaren Kriegsgründen – keine Daten mehr zuliefert. Ich habe daher in meiner Schätzung die Förderung einfach mal auf dem letztgemeldeten Stand von März 2023 eingefroren. Die Exportwerte haben die Russen noch nie in die Datenbank eingeliefert.
So ergibt sich denn folgendes Bild: die USA konnten die schon im Vorjahr erreichte Spitzenstellung unter den weltgrößten Förderern halten. Im Tagesdurchschnitt pumpten sie fast 13 Millionen Fässer an die Oberfläche. An zweiter Stelle könnte Russland gelegen haben, wenn man die von mir unterstellte unveränderte Förderung akzeptiert. Dahinter kommt dann mit statistisch nachvollziehbaren 9,6 Millionen Barrel Saudi Arabien.
Der Unterschied zwischen den USA und den lange Zeit für den Weltmarkt mitentscheidenden Wüstenkönigreich: die Saudis brauchen nicht einmal ein Drittel des bei ihnen geförderten Öls im eigenen Land, während die Amerikaner jahrzehntelang Teile des Weltmarktes absaugten. Allerdings geht es damit recht zügig zu Ende. Rechnerich werden nur noch 19 Prozent der Produktion zusätzlich importiert. Sie sehen das in der nächsten Tabelle.
Nimmt man das wirtschaftlich eng verwobene Kanada hinzu, ist Nordamerika inzwischen von Ölimporten ziemlich unabhängig und mit dem benachbarten Mexiko gar eine Überschussregion. Ich will das hier nicht groß vertiefen, aber die Europäer sollten vielleicht mal darüber nachdenken, ob damit nicht auch das amerikanische Interesse für die traditionell krisengeschüttelte Nahostregion nachlassen könnte. Europa hat den Nahen Osten vor der Haustür und bezieht immer noch allerhand auch für die Chemie wichtiges Erdöl von dort. Hier – wie bei mir gewohnt – die Ölproduktion der führenden Förderer auch noch einmal in anderer Form dargestellt.
Zum Schluss noch ein etwas verblüffendes Bild. Trotz Rekord-Autobestand führen die Deutschen rekordwenig Öl ein. Auch der aussagekräftige 12 Monate-Durchschnitt liegt auf Tiefstand, vermutlich seit in den 1950-er und 1960er Jahren als das Öl die heimische Kohle auszustechen begann.
Ich wünsche einen guten Start in die neue Arbeitswoche