Liebe Leser,
das ifo-Institut meldet die schlechteste Stimmung im Wohnungsbau aller Zeiten, jedenfalls nach der Wiedervereinigung 1991, dem Beginn der Erhebungen. Der Kommentar lässt Optimismus als plumpe Gesundbeterei erscheinen. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen, schreibt: „Die Unzufriedenheit mit der aktuellen Lage greift immer weiter um sich. Außerdem befürchten die Unternehmen für das erste Halbjahr 2024 weitere Geschäftseinbußen.“
„Obwohl die Zinsen für Baufinanzierungen zuletzt wieder gesunken sind, ist noch keine Entspannung in Sicht, so der Experte. „Die außergewöhnlich schwachen Erwartungen zeigen, dass die Firmen aktuell keine Hoffnung haben.“ Inzwischen beklagten im Dezember schon fast eine Viertel der Bauleute Stornierungen von Orders und deutlich über die Hälfte bereits Auftragsmangel.
(Quelle: ifo, https://www.ifo.de/fakten/2024-01-10/geschaeftsklima-im-wohnungsbau-auf-allzeittief )
Die quartalsmäßig vom Statistischen Bundesamt erfassten Auftragsbestände spiegeln diese Niedergeschlagenheit erst bis zum dritten Quartal 2023 und damit anscheinend unzureichend wider. Allerdings fiel auch nach diesen nachhinkenden Werten der preisbereinigte Volumenindex gegenüber dem Hoch von Anfang 2021 um satte 30 Prozent. Doch darf man nicht vergessen, dass diese Höhepunkt seit den seligen Tagen des ostdeutschen Aufbaubooms einzig war.
Das war neben den explodierten Baupreise übrigens der Stein des Anstoßes (Achtung: Wortspiel!) beim Mauern neuer Wohnungen: ein Zinsanstieg in der Spitze von knapp 3,9 Prozent. Ein Fünftel ist mit 0,8 Prozent von dieser Zinserhöhung inzwischen wieder entschwunden.
Themenwechsel. kurz vor Weihnachten meldete ich Ihnen in der Morgenmail „Öffentliche Hand: Märchenstunde allenthalben“ am 22. Dezember vorigen Jahres sozusagen ersten Vollzug bei meiner Skepsis gegen die Branche der Mietroller und Mietfahrräder, die weltweit – aber auch in deutschen Großstädten – an vielen Ecken herumstehen: der einzige in New York börsennotierte Anbieter dieser Art, Bird, war pleite.
Ganz so schlimm ist es beim Berliner Start-up Tier anscheinend noch nicht, aber das Manager-Magazin will nun von einem Zusammenschluss mit dem niederländisch/französischen Konkurrenten Dott wissen. Der Clou dabei: während auf dem Höhepunkt des Booms bei Finanztransaktionen alleine Tier mit stolzen zwei Milliarden Dollar bewertet wurde, soll nun das Gemeinschaftsunternehmen nach MM-Informationen nur noch 150 Millionen Euro wert sein und Tier-Chef Lawrence Leuschner (Jahrgang 1982) seinen Posten an der Spitze räumen müssen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die E-Scooter-Branche ein Millionengrab für die Profi-Investoren von Private Equity (PE) bleibt.
(Quelle: manager magazin, 9.1.24, https://www.manager-magazin.de/unternehmen/tech/e-scooter-firma-tier-fluechtet-sich-in-merger-mit-rivale-dott-a-f2619327-5422-4075-abdd-7a2e5ff605c6 )
Ich habe Ihnen das schon öfter geschrieben: es ist gar nichts gegen unternehmerischen Wagemut einzuwenden, aber diese Branche konnte nur in den seligen Zeiten des Fast-Null-Zinses aufblühen, als alle händeringend nach Anlagemöglichkeiten suchten. Bisher sind sämtliche Anbieter den Beweis der Profitabilität schuldig geblieben.
Nur hat bei Private Equity keiner ein Interesse, den Flop allzu offen zu zeigen: die Fonds nicht und deren Geldgeber auch nicht. Denn PE hatte ja gerade mit dem Versprechen überdurchschnittlicher Gewinne für die Geldgeber gelockt und die Investoren besonders gefreut, dass sie bei dieser Anlageform nicht dem hektischen Hin und Her der Aktienmärkte ausgesetzt seien. Da können Abschreiber nur stören.
Da passt dann auch gut folgende Zahl dazu: letztes Jahr sind mehr Start-ups pleite gegangen als je zuvor. 297 Jungfirmen mussten den Weg zum Amtsgericht antreten; Meldet laut Handelsblatt der Datendienst Startupdetector. Das waren fast zwei Drittel mehr als 2022. Da klingt es eher nach Untertreibung, wenn Christoph Stresing vom Start-up-Verband meint: 2ß23 war für deutsche Start-ups kein gutes Jahr.“
(Quelle: Handelsblatt vom 10.1.24, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/start-ups-insolvenzen-steigen-2023-auf-rekordhoch/100004509.html )
Frederik Gärtner von der Anwaltskanzlei Ypog ergänz, dass es im laufenden Jahr zu einer Insolvenz- und Konsolidierungswelle kommen könne, wenn Brückenfinanzierungen aufgebraucht seien, die Bestandsgesellschafter kein weiteres Geld nachschössen und kein neuer Investor an Bord komme. Die Unsicherheit sei groß, was sich vor allem bei größeren Finanzierungsrunden zeige.
Zu den sich jetzt zum Teil ins Gegenteil verkehrenden Glanzzeiten der PE-Branche kann man auch andere Beispiele finden, wo nicht nur die ganz Großen des Geldgewerbes, sondern neben ihnen auch kleinere Anleger dabei sein konnten. Die Kombination von Billiggeld und Investitionswut sowie dem Aufblühen mancher Geschäftsmodelle in Corona-Zeiten zeigt jetzt zum Beispiel bei Internetanbietern Schwächezeichen.
Die waren einige Jahre ein Musterbeispiel für die Belohnung mutiger Investments. So brach der Web-Anbieter von Mode, Zalando, an der Börse zu völlig neuen Ufern auf und stieg sogar in den Leitindex DAX auf. Tatsächlich schien das Geschäft im Internet alle vorherigen Vorstellungen zu übertreffen. Nur leider basierte der Ausreißer nach oben offenbar auf der Begeisterung der seuchengeplagten Bevölkerung, die zeitweise vorsichtshalber von daheim bestellte. Was folgte, war die Ernüchterung, als die Ladengeschäfte wieder aufmachten. Zwar fielen die Umsätze nicht auf ein Vor-Corona-Niveau, aber der ganz große Boom ist seit zwei Jahren erst mal vorbei.
(Quelle: destatis, dashboard, https://www.dashboard-deutschland.de/indicator/tile_1667460685909?origin=dashboard&db=branchen&category=konjunktur_wirtschaft )
Was naturgemäß auch die Kurse der zugehörigen Aktien alles andere als kalt ließ. Nach hochgespannten Erwartungen machte sich Enttäuschung breit, weil nun Gewinne und Dividenden in weite Ferne rückten. Nehmen wir mal drei Beispiele aus deutschen Landen. Zunächst Zalando: die ganz nebenbei auch noch unter der selbst in den Begeisterungszeiten geschürten Unsitte leiden, dass man den bestellten Krempel einfach wieder zurück an den Absender schicken kann. Was Zalando natürlich dickes Geld kostet. Sehen Sie selbst im Chart, wie die einstige heiße Liebe der Börsianer erkaltete.
Und auch der Essenslieferant Hello Fresh hat kursmäßig seine liebe Not. Während Zalando von den Topkursen im Corona-Boom um 81 Prozent abstürzte, erwischte es den Internet-Anbieter von selbst zu kochenden Mahlzeiten gar um 87 Prozent. Damit ist der Börsenhype weitgehend wieder gegessen. Glücklich der, der rechtzeitig auf- und rechtzeitig wieder vom One-Trick-Pony absprang.
Hier zu guter oder besser wohl schlechter Letzt noch die Internet-Konferenz-Aktie Teamviewer, mit deren Service die Chefs in Seuchenzeiten mit ihren Mitarbeitern in Kontakt zu bleiben versuchten. Ihr erging es mit einem Minus von der Spitze aus 74 Prozent in diesem Trio am besten, aber ein sanftes Ruhekissen für Börsianer war das Papier damit auch nicht gerade.
Es gibt halt an der Börse so Zeiten, da denkt man hinterher in doppelter Hinsicht: „hättest Du doch“, erst rechtszeitig gekauft und dann lieber zu früh als zu spät verkauft.