Liebe Leser,
zu den Lieblingsparolen der untergegangenen DDR gehörte die Parole „von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. Zuweilen auch statt „Sowjetunion“ in „Sowjetmenschen“ abgewandelt, wie hier auf diesem Plakat.
(Quelle: Lemo, https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-von-den-sowjetmenschen-lernen.html )
In der heutigen Wirtschaftswelt indes müsste das eher heißen: „Von Wall Street lernen, heißt Aktiengewinne machen“. Seit Jahrzehnten haben die New Börsianer den Kollegen namentlich in Deutschland vorgemacht, dass man dort mehr gewinnen kann, vor allem jedoch, dass ohne sie in Deutschland keine Börsentendenz läuft. Vermutlich eine Folge der schieren Kapitalmacht der Angelsachsen und ihrer Börsenplätze.
Deshalb empfiehlt es sich, stets ein Auge auf die Ami-Börse zu werfen, selbst wenn man dort gar nicht investiert sein sollte. Ein wichtiger Trend, den auch viele hiesige Börsianer zu erleiden hatten, ist die Underperformance von Aktien kleinerer Unternehmen gegenüber den Großen, in den USA besonders ausgeprägt gegenüber den „Glorreichen Sieben“, also den Wunderpapieren wie Apple, Microsoft, Alphabet (Google) & Co. Natürlich machten auch das die deutschen Börsianer mit – hierzulande fiel schon die im MDAX repräsentierte zweite Garde gegenüber den 40 Top-Werten im DAX seit Januar 2021 markant zurück (Verhältnis: siehe rote Linie im nächsten Chart).
Dabei ist so ein schlechteres Abschneiden der kleinen Papiere eher die Ausnahme als die Regel. Das können Sie im gerade gezeigten Chart schon daran sehen, dass die rote Linie, also das Verhältnis von MDAX zu DAX, langfristig – abseits der kräftigen und auch durch zuweilen längeren Schwankungen – aufwärts gerichtet ist. Und das klingt auch logisch, denn unter den Kleinen sind auch viele erfolgreiche Newcomer. Jeder heute dicke Wert wie etwa SAP hat mal dünn angefangen.
Aber was hat sich nun in den USA bei den kleinen und großen Papieren abgespielt. Ich zeige Ihnen erst mal einen nicht so bekannten Index, der aber mit 5.000 Werten sehr breit angelegt ist. Oben in Rot sehen Sie den Teilindex der kleinen Papiere, in Amiland „Small Caps“ genannt. Unten in Braun sind die Dickschiffe, die „Large Caps“ abgetragen. Sie sehen, seit dem 26. Oktober steigen beide Teilindices, aber die Kleinen legen dabei seit dem 10. November schneller zu als die Großen.
Wem das optisch eingängiger erscheint, der kann das hier auch noch mal als Relation anschauen, da ist einfach (wie oben bei MDX und DAX) der Index der breiten Titel durch die Kurse der kleineren Papiere dividiert. Heißt: wenn die Großen langsamer steigen als die Kleinen muss das Verhältnis fallen, wie die rote Linie zeigt. Ich habe die günstige Zeit für die Small Caps seit dem 10. November 2023 mal mit einer blauen Markierung angedeutet.
Nun muss man einschränkend sagen: ein Zeitraum von knapp zwei Monaten bietet natürlich noch längst keine Gewähr für eine lang anhaltende Trendwende, Börse sind nun mal permanent Schwankungen. Aber völlig unmöglich erscheint eine längere Tendenz dieser Art nun auch nicht. Denn im Zuge der zwei Jahre anhaltenden Outperformance (seit Anfang 2021) sind bekannte Standardwerte natürlich deutlich teurer geworden.
Und es gibt gerade bei Papieren, die nicht so im Blickpunkt stehen, teilweise merkwürdige Divergenzen. Beispiel: einer der ganz Großen im weltweiten Freizeitgeschäft ist der US-Betreiber von Kreuzfahrtschiffen Carnival Corp. mit über 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Als die am 21. Dezember für das abgelaufene Geschäftsquartal per 30. September statt von den Analysten erwarteter 13 Cents Verlust nur sieben Cents pro Aktie Miese meldeten, schoss der Kurs an diesem Tag um 6,2 Prozent nach oben. Vor allem aber stand das Papier damit um 145 Prozent höher als ein Jahr zuvor.
Der Weltmarktführer im Touristikgeschäft, der auch Kreuzfahrtschiffe besitzt, aber zudem Hotels und vor allem Pauschalreisen arrangiert, TUI in Hannover, hatte am 6. Dezember mit einem Gewinn pro Aktie von 80 Cents für 2022/23 nach trüben Coronazeiten ein Bombenergebnis vorgelegt und einen recht positiven Ausblick für das laufende Geschäftsjahr 2023/23 (per 30.9.) gegeben. Dessen Aktie aber notierte selbst nach einem Kurssprung im Anschluss an die News noch ein Fünftel unter den Vergleichswerten des Vorjahres.
Bitte, das ist keine Kaufempfehlung, was bisher schlecht gelaufen ist, das kann auch weiter schlecht laufen, etwa weil da was ist, was viele nicht sehen. Zudem der von Arzneipackungen bekannte Risiko- und Warnhinweis: ich habe ein paar Aktien davon, was die Einschätzung beeinflussen oder gar trüben könnte. Aber Sie ahnen ja, bei eigenen Papieren verfolgt man das Umfeld intensiver als aus rein intellektueller Neugier.
(Quelle: BILD, 1.1.24, https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/online-umfrage-wahl-hammer-in-sachsen-86596620.bild.html und: Sächsische 2.1.24, https://www.saechsische.de/plus/sonntagsfrage-sachsen-cdu-afd-spd-gruene-fdp-linke-kretschmer-umfrage-beliebheit-5251636.html )
Kurzer Themenwechsel noch. Die Sächsische Zeitung hat beim Online-Meinungsforscher CIVEY eine Umfrage in Auftrag gegeben, was die Sachsen in Sachsen bei der nächsten Landtagswahl am 1. September 2024 denn so wählen möchten. Die BILD bezeichnete das Ergebnis in gewohnter Manier als „Umfrage-Hammer“. Doch so völlig daneben liegt das Blatt diesmal nicht, wenn man den Zahlen auch nur halbwegs glauben schenken kann.
Nach CIVEY gleich zwei sächsische Hammerschläge, die auch dem politischen Berlin im Ohr klingen dürften. Erstens: die AfD liegt mit 37 Prozent vor der zweitplatzierten CDU mit nur 30 Prozent, die immerhin den Ministerpräsidenten mit seinem Amtsbonus stellt Zweitens: SPD (drei Prozent) und FDP (ein Prozent) sind nicht im Landtag.
Damit gäbe es für eine stabile Mehrheit dort nur zwei (problematische) Optionen: eine große Koalition aus AfD und CDU mit den Christdemokraten als Juniorpartner, was diese ausgeschlossen haben („Brandmauer“). Oder aber eine bunte Mischung aus CDU, GRÜNEN (acht Prozent) und der LINKEN (sieben Prozent). Was weltanschaulich natürlich ein Spagat erster Güte wäre.
Wenn diese Umfrage ein Gutes hat, dann könnte das sein, dass die Berliner Schlafwandler endlich aus dem Schlummer gerissen werden. Denn mein Verdacht: was die da denken und handeln scheint nicht gerade das zu sein, was die Mehrheit der Wähler bewegt. Und solange das so ist, protestieren die Menschen mit einem dumpfen Grollen und der einzigen Einflussnahme, die ihnen bleibt – nämlich an der Wahlurne. Denkbar, dass dies den etablierten Politikern irgendwann doch mal klar wird und zum Umdenken zwingt.
Zum Schluss – ich will Sie nicht gleich zu Jahresbeginn zu sehr zutexten – noch ein guter Spruch, den mir ein Leser zugeschickt hat: „Gerade stand ich vor dem Spiegel und habe gute Nachrichten für Euch – die fetten Jahre sind noch nicht vorbei.“