Liebe Leser,
viel wird derzeit über die Weltkonjunktur diskutiert und ein einheitliches Erkenntnisbild scheint mir nicht vorzuliegen. Tatsache ist: nach einer Erholung von den Tiefen des Corona-Schocks hat sich der Welthandel erholt, bröselt aber seit den Beginn des Ukrainekrieges nun schon wieder ab. Ich messe das am Umschlag von Containern in den großen Häfen des Planeten, den freundlicherweise das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI monatlich erhebt. Die Zahlen reichen bis April.
Aber sieht das noch halbwegs unaufgeregt aus, werden deutlichere Verschiebungen sichtbar, wenn man eine Untergruppe der großen nordeuropäischen Häfen in Frankreich, Benelux und Deutschland herausnimmt, die vom RWI unter dem Begriff „Nordrange“ geführt werden. Deren rote Kurve weicht stark vom Weltdurchschnitt nach unten ab und liegt in der Nähe der Tiefstände des letzten Jahrzehnts – nur noch unterboten in der Finanzkrise 2009.
Klar, dass Europa und vor allem auch Deutschland derzeit zu den Schlusslichtern gehören, denn der Energiepreisschub zu Beginn des Ukrainekrieges hat wegen der russischen Erdgasanbindung vor allem diese Region getroffen. Andere Länder wie China und Indien profitieren gar von Billiglieferungen an Öl und Gas aus Russland, das damit die westlichen Sanktionen zu umgehen sucht. Deutschland steckt nach zwei Minusquartalen definitionsgemäß gar in einer – wenngleich bisher extrem milden – Rezession.
Dass der Welthandel gerade auch aus europäischer Sicht etwas lahmt, zeigt sich übrigens auch an anderen Indikatoren wie etwa dem deutschen Export und den Frachtraten der Reedereien. Nehmen wir mal dafür beispielhaft den Index der Londoner „Baltic Freight Exchange“ für Schüttgüter: „Baltic Dry“. Da sieht ohne große Analyse nicht gerade nach flotter Expansion im Warenaustausch aus.
(Quelle: dashboard, destatis, https://www.dashboard-deutschland.de/indicator/tile_1666960424161 )
Womit wir dann auch gleich bei einer anderen Schlüsselfrage wären: wie steht es weltweit mit den Zinsen? Kurzrückblende: ein Preisschub bei Rohstoffen und Energie ließ 2022 ab März die Inflation mächtig zulegen, was dann große Notenbanken wie Federal Reserve und EZB zu einer Bremsaktion veranlasste. Aber das ist natürlich kein Selbstzweck. Wenn die Konjunktur abflacht und die Inflationsraten sinken, ist es mit der Bremserei bald vorbei.
Ohnehin kann man nicht von einem Liquiditätsengpass sprechen. Im Grund wird bisher nur ein kleiner Teil der Zuvor unters Volks gestreuten Gelder wieder eingesammelt. Nehmen wir die Bilanzsumme der US-Notenbank als Beispiel. Für gut 4.800 Milliarden Dollar hat die Fed ihre Bilanzsummen nach Coronabeginn bis zum Höhepunkt im März 2022 aufgebläht und damit den übrigen Marktteilnehmern – etwa durch Anleihenkäufe – Geld zugeführt. Davon wurde gerade mal 12 Prozent wieder reduziert. Bleiben noch 4,2 Billionen Dollar Anstieg seit Beginn 2020.
Quelle: FRED, https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL und: https://fred.stlouisfed.org/series/MMMFFAQ027S )
Dass Anlegergeld nicht wirklich knapp ist, kann man schon daran sehen, dass alleine in den USA über 5.000 Milliarden Dollar in Geldmarktfonds gebunkert werden. Offenbar haben viele nicht die rechte Traute in andere Anlageformen zu gehen und halten dort ihr Pulver trocken.
Die Wirkungskette wird nun genau umgekehrt laufen wie im letzten Jahr: die Konjunktur hält die Rohstoffpreise unten, die Verwerfungen durch den Krieg lassen nach, die Inflationsrate sinkt und damit geht die Zeit der Zinsanhebungen zu Ende. Ob das nun schon im dritten oder vierten Quartal geschieht ist eigentlich unerheblich – die nächste größere Zinsbewegung ist nach unten. So jedenfalls meine Prognose.
Themenwechsel. Pünktlich um 15:00 Uhr Ortszeit ging in den USA am Montag die Meldung raus, dass die amerikanische Wertpapieraufsicht S.E.C. die größte Kryptobörse anklagt: Binance. Nur eine Stunde später stand die eigene, gleichnamige Phantasiewährung neun Prozent im Kurs tiefer. Und auch der berühmtere Bitcoin kam mit über fünf Prozent Minus unter die Räder.
Es ist aber auch scharfer Tobak, was die Aufseher der Binance-Börse, die auf ihrer Plattform bis zu 70 Prozent aller Geschäfte, letztes Jahr am Tag Transaktionen im Wert von 65 Milliarden Dollar abwickelte, ihr und ihrem Gründer Changpeng Zhao (Jahrgang 1977) vorwirft: sie würden ein „Netz der Täuschung“ betreiben, unter anderem die künstliche Aufblähung des Handelsvolumens und die Abzweigung von Kundengeldern.
(Quelle: NZZ, 5.6.23, https://www.nzz.ch/finanzen/ein-netz-der-taeuschung-die-amerikanische-boersenaufsicht-verklagt-die-weltgroesste-krypto-boerse-binance-ld.1741161 und Barron’s, https://www.barrons.com/articles/bitcoin-sec-binance-cz-7c9391?mod=hp_LEAD_3 und: Blockzeit, 1.6.23, https://blockzeit.com/de/die-abweisung-der-anklage-gegen-bankman-fried-wird-abgelehnt/ )
Die S.E.C.-Leute sind nicht die einzigen Regierungsstellen, die Zhao kritisch unter die Lupe nehmen. Schon im März startete die „U.S. Commodity Futures Trading Commission (CFTC)“ eine Klage, weil er eine „illegale“ Börse betreiben würde. Laut der Nachrichtenagentur Reuters werden auch im amerikanischen Justizministerium wegen mutmaßlicher Geldwäsche und Sanktionsverstößen Untersuchungen angestellt.
Nun ist das Unternehmen nicht gerade ein Hort der Transparenz. Es wurde 2017 in Schanghai von Zhao gegründet, einem kanadischen Staatsbürger, der bis zum Alter von 12 Jahren in China aufgewachsen ist. Während seine Holdinggesellschaft auf den Cayman-Inseln ansässig ist, hat Binance keinen Hauptsitz. Das Unternehmen lehnt es ab, den Standort seiner Handelsplattform Binance.com anzugeben.
Zurück zu den aktuellen Vorwürfen: nach Ansicht der S.E.C. hat das Zhao gehörende Unternehmen Sigma Chain mindestens von September 2019 bis Juni 2022 einen Wash-Trading-Handel betrieben, der das Handelsvolumen von Kryptos auf der amerikanischen Binance-Plattform künstlich aufblähte. S.E.C.-Chef Gary Gensler (Jahrgang 1957) wörtlich: „Zhao und Binance sind in ein umfangreiches Netz von Täuschungen, Interessenkonflikten, mangelnder Offenlegung und kalkulierter Umgehung des Gesetzes verwickelt.“
Besonders alarmierend klingen gerade für Amerikaner die Vorwürfe des Jonglierens mit Kundengeldern. Da werden Erinnerungen an den letzten November wach: damals hatte die angebliche Vermischung von Kundengeldern zwischen der Krypto-Börse FTX Trading und dem angeschlossenen Hedgefonds Alameda Research zum Zusammenbruch der Schöpfung von Sam Bankman-Fried (Jahrgang 1992) geführt. Am 2. Oktober 2023 soll sein Prozess beginnen, für 250 Millionen Dollar Kaution sitzt er bei seinen Eltern unter Hausarrest. Noch in diesen Marktturbulenzen flossen Gelder zur jetzt beschuldigten Binance, was als Flucht in Qualität angesehen wurde.
Ich habe – glaube ich – nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich den ganzen Kryptozauber für ein Hirngespinst erster Güte halte. Aber selbst wenn man der Sache mehr Seriosität unterstellt, als ich das tue: sollen denn die Behörden sehenden Auges eine Art Parallelwährung entstehen lassen, die ihnen die komfortable Kontrolle über Dollar, Euro & Co. entzieht?
Dass es bei US-Behörden um mehr als paar individuelle Verfehlungen in jungen Unternehmen geht, zeigte sich schon gestern wieder: die S.E.C. verklagt nun die in den USA bedeutsame und börsennotierte Handelsplattform Coinbase Global. Der Vorwurf dabei: die Kryptowährungen seien eigentlich ein Art Wertpapier, diese würden der Aufsicht unterliegen und die mit ihnen handelnden Firmen hätten gar keine Brokerlizenz.
„Man kann nicht einfach die Regeln ignorieren, weil sie einem nicht gefallen oder weil man andere bevorzugen würde“, so der zuständige S.E.C.-Direktor Gurbir S. Grewal fast schnippisch. Nach fast neun Prozent am Montag fiel die Coinbase-Aktie denn auch gleich zur Eröffnung am Dienstag nach der Hiobsbotschaft um ein weiteres Fünftel.
Quelle: NYT, 6.6.2023, https://www.nytimes.com/2023/06/06/business/sec-coinbase-lawsuit-cryptocurrency.html )
Und generell: wer mit seinem Geld wie bei Binance an einer Börse mitspielt, die ihren Standort nicht verraten möchte, dem ist wohl nur noch in der Klapse zu helfen. Aber warum soll nicht Amerika auch seine Wirecard-Erlebnisse genießen?